Der mysteriöse Fehler: Überraschende Erkenntnisse aus neu entdeckten Notizbüchern

Seit einem Vierteljahrhundert ist bekannt: Die Rebsorte Riesling-Silvaner ist in Wahrheit eine Kreuzung aus Riesling und Madeleine Royale. Dieser Fehler passt so gar nicht zum akribischen Forscher, der Hermann Müller-Thurgau mit Sicherheit war. Wo und wie war er passiert? Historikerin Mariska Beirne stiess auf vergessene Unterlagen, die Erstaunliches zutage fördern. Sogar das Züchtungsjahr muss korrigiert werden.

Artikel von:
Mariska Beirne
Historikerin, Weinbaumuseum am Zürichsee
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 10/11 / 2025 , S. 18
Um das Jahr 1880 häufen sich kühle und feuchte Sommer, die Reben reifen oft nicht vollständig aus (s. Artikel «Der Schweizer Weinbau in Bedrängnis»).  Hermann Müller-Thurgau, der mit seiner Forschung stets aktuelle Herausforderungen der Landwirtschaft aufgreift, setzt sich das Ziel, eine Traubensorte zu züchten, die früher reift als herkömmliche – und dabei mild im Aroma bleibt. 1882 beginnt Hermann Müller-Thurgau in Geisenheim mit ersten Kreuzungsversuchen.Sein Forschungsziel erreicht er mit Bravour: Rund drei Wochen früher als die meisten anderen Sorten reift seine Neuzüchtung «Riesling × Sylvaner» heran, die sich zudem als sehr ertragreich erweist. [bodybox title="Eine Erfolgsgeschichte unter falschem Namen"]Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt sich die Müller-Thurgau-Sorte zur weltweit erfolgreichsten Weisswein-Neuzüchtung (Abb. 4) – trotz ihrer Anfälligkeit auf Falschen Mehltau und Botrytis. Mit ihrem säurearmen Aroma trifft sie den Geschmack der Zeit und der hohe Ertrag erfreut Winzer ebenso wie preisbewusste Käuferinnen. Besonders in der Schweiz, Deutschland und Österreich macht die ...