Hermann Müller-Thurgau, der 1891 sein Amt als Direktor der Versuchsstation Wädenswil antrat, war sich der schwierigen Lage der Weinbauern bewusst. Ende 1908 hielt er in Stein am Rhein einen Vortrag zum Thema «Die gegenwärtige Lage des Weinbaus und Mittel zu dessen Förderung» (Müller-Thurgau 1909). Sein Vortrag war eine klare Analyse über den Zustand des Weinbaus in seiner Zeit. Müller-Thurgaus Analyse lässt sich, wie in diesem Beitrag zu zeigen sein wird, konkretisieren und mit Fakten belegen.
Einleitend beklagte Müller-Thurgau den Rückgang der Rebfläche in den Kantonen Zürich, St. Gallen und Thurgau um 27 bis 45 % und den «bedenklichen Rückgang des Verkehrswertes der Wein- berge». Die Produktionskosten hätten zugenommen und seien im Kanton Zürich über Jahre hinweg nicht gedeckt gewesen. Die Weinpreise blieben gleich oder hätten wegen der verminderten Kaufkraft des Geldes gar abgenommen.
Müller-Thurgau sah drei wesentliche Ursachen für die düstere Lage des Weinbaus. Der Falsche Mehl- tau, der Ertragsausfälle verursachte, die Konkurrenz des Bieres und der ausländischen Weine. Doch die Ursachen der Krise gehen tiefer.
GUTE JAHRE
In den Jahren zwischen 1855 und 1876 erlebte der Schweizer Weinbau eine sehr gute Zeit. Jahr für Jahr gab es gute Ernten, die dank guter Konjunktur verbunden mit steigender Kaufkraft der Bevölkerung guten Absatz fanden. In seiner Dissertation schrieb Hans Hasler 1907 rückblickend auf diese Zeit: «Bis zur Mitte der 1870er-Jahre können wir eine ständige Steigerung des Weinertrages beobachten, wenn auch in einzelnen Weinjahren kleinere Rückschläge erfolgten. Die Rebe blieb von Krankheiten und gefährlichen Hagelwettern ziemlich verschont und lohnte reichlich die Mühe des Winzers. Der Konsum hielt mit den gesteigerten Erträgen Schritt; der Wein fand schlanken Absatz und reizte so zum Umbau vieler Wiesen in Rebland» (Hasler 1907, S. 33). Die Rebfläche nahm zu und der Weinbau dehnte sich auch in Gebiete aus, die für den Weinbau nicht geeignet waren, so in die Innerschweizer Kantone Zug und Luzern oder in die Zürcher Oberländer Bezirke Hinwil und Pfäffikon. Zu den Rebbaugemeinden zählten auch Wald im Zürcher Oberland und Bäretswil im Tösstal (Rebkataster Zürich 1881). Darüber hinaus wurden für Rebberge spekulativ überhöhte Preise bezahlt (Altwegg 1979, S. 60).
Der Schweizer Weinbau erreichte 1884 mit 34 380 Hektaren seine grösste Ausdehnung. Un- mittelbar danach ging die Rebfläche zurück, zuerst vor allem in der Deutschschweiz, ab Beginn des 20. Jahrhunderts schweizweit. Um 1930 umfasste das Rebareal in der Schweiz noch 12 974 Hektaren. Beinahe zwei Drittel der Reben sind in diesen 50 Jahren verschwunden. Das halbe Jahrhundert zwischen 1880 und 1930 ging als Rebbaukrise in die Geschichte des Schweizer Weinbaus ein.
ES WAR NICHT DIE REBLAUS
Es ist gängiges Narrativ, dass es die Reblaus war, die diesen Schwund der Rebfläche verursachte. Tatsächlich waren gesamtschweizerisch nur wenige Prozent der Rebberge von der Reblaus befallen (Altwegg 2020). Am stärksten betroffen waren die Westschweizer Kantone Waadt, Neuenburg und Genf. Viele Kantone und Rebgebiete blieben bis nach 1930 reblausfrei, so die Kantone St. Gallen, Schaffhausen und Graubünden oder das Schenkenbergertal und das thurgauische Thurtal. Die Ursachen der Rebbaukrise sind viel komplexer (Abb. 1).

Katastrophale Fehlernten, vor allem in der Zeit zwischen 1905 und 1917, haben ebenso beigetragen wie veränderte Konsumgewohnheiten und die massive Zunahme der Weinimporte. Die Reblaus hat zwar Rebberge zerstört, aber weder eine Fehlernte verursacht noch die Qualität beeinträchtigt.
DAS KLIMA VERSCHLECHTERT SICH
Nach 1875, als die grösste Weinernte eingebracht wurde, seit es regelmässige Aufzeichnungen gibt, und der quantitativ guten, aber qualitativ schlechten Ernte 1876 kam es zu einem Ertragseinbruch (Abb. 2).

Davon betroffen waren vor allem die Deutschschweizer Kantone, während zum Beispiel in der Waadt noch gute Ernten eingebracht wurden und sich die Rebfläche in diesem Kanton weiter ausdehnte (Abb. 3).

Ursache dieses Ertragseinbruchs war eine Verschlechterung des Klimas in den Jahren zwischen 1877 und 1899. Die Monate Juni und Juli waren sehr niederschlagsreich, während gleichzeitig ein Temperaturrückgang zu verzeichnen war (Abb. 4). Dieses kühle Klima führte zu einer Häufung von Frühjahrsfrösten, zu ungünstigen Witterungsbedingungen zurzeit der Traubenblüte in der zwei-ten Hälfte Juni und entsprechenden Ertragseinbussen. Um 1885 kam noch der Falsche Mehltau als weitere Schadenursache hinzu und führte ebenfalls zu massiven Ertragsausfällen. Im Aargau führte 1877–1879, 1882, 1883, 1886, 1887 und von 1897–1899 die nasskalte Witterung zur Zeit der Traubenblüte zu Fehlernten. 1880, 1881, 1886 und 1897 litt der Weinertrag unter Frühjahrsfrösten. 1888, 1889, 1894 und 1898 grassierte der Falsche Mehltau in den Rebbergen, 1899 der Echte Mehltau. Im Seegfrörni-Winter 1891 litten die Reben unter der extremen Winterkälte, von der sich die Reben auch 1892 nicht erholten (Altwegg 2021). Ein ähnliches Bild zeigt sich am Zürichsee. Auch hier waren die Sommer nass und kalt, die Holzreife ungenügend, was Auswirkungen auf den Ertrag im Folgejahr hatte. 1887 und 1894 waren Mehltaujahre und auch am Zürichsee litten die Reben 1891 unter dem eisigen Winter mit Auswirkungen auch auf den Weinertrag im Folgejahr (Altwegg 1979. S. 82, 85).

Das «Rebenmeer» bei Horgen ca. 1900. (© Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv)
Die Jahre zwischen 1900 und 1905 waren etwas besser, doch die schwierigsten Jahre für den Weinbau standen noch bevor.
DIE KATASTROPHENJAHRE DES SCHWEIZER WEINBAUS
Um 1906 kam es erneut zu einem langanhaltenden Temperaturrückgang und zwischen 1913 und 1921 waren die Monate Juni und Juli überdurchschnittlich nass (Abb. 4). Zwischen 1906 und 1917 gab es in allen Kantonen mit Ausnahme des Wallis und dem Tessin zum Teil katastrophale Fehlernten (Abb. 5).


Wie schon Ende des 19. Jahrhunderts waren Frühjahrsfröste, schlechtes Blühwetter, durchwegs nasse Sommer, Falscher Mehltau und von den ungünstigen Bedingungen im Vorjahr geschwächte Reben Ursache der schlechten Ertragssituation. In der Westschweiz trug in einigen Jahre auch der Traubenwickler zu den schlechten Ernteergebnissen bei.
Die beiden katastrophalsten Jahre waren 1910 und 1913. 1910 herrschte im Aargau schlechtes Blühwetter. Die Weinbauern ernteten 3.6 hl/ha. Die Stimmung war trostlos, wie in einem Beitrag des Brugger Tagblatt vom 9. Oktober 1910 zu lesen war: «Vom Rebberge liest man dieses Jahr nichts Gutes. Der schwer betroffene Weinbauer hat heuer seine Arbeitskraft umsonst verwendet, keine oder nur eine äusserst geringe Ernte sind seine Belohnung. […] der Bauer reisst seine Reben aus, weil er nicht mehr ohne Ernte arbeiten will.» Im Waadtland war es nicht besser. Dort zerstörte der Falsche Mehltau die Ernte, die gerade noch einen Ertrag von 2.7 hl/ha brachte. Die Tribune de Genève schrieb am 12. Oktober 1910 darüber: «Es ist Traubenlese! Traurige Lese, so man will. Die Ernte ist fast überall null. […] Soll ernten, wer will oder eher wer kann. […] In vielen Parzellen ist die Lese bloss eine «trüblete». Es lohnt sich kaum, in die Rebberge zu gehen.»
1913 war das schlechteste Weinjahr in der Schweiz, seit es Aufzeichnungen gibt. Nach einem frühen Austrieb der Reben rollte in der Nacht vom 13. auf den 14. April eine Kältewelle über Europa und zerstörte die Weinernte von der Pfalz (Bassermann- Jordan 1975) bis an den Genfersee. Gesamtschweizerisch lag der Durchschnittsertrag gerade einmal bei 8.2 hl/ha. Erschütternd waren die Berichte über die Weinernte 1913 aus allen Landesgegenden, so auch in dieser Zeitschrift im Oktober 1913: «Wer Gelegenheit hat, mit der rechtsufrigen Zürichseebahn nach Erlenbach zu fahren, wird die Beobachtung machen müssen, dass in den angrenzenden Weinbergen bereits Vorbereitungen getroffen wurden, grössere Rebparzellen auszureuten und das Areal in Acker oder Wiesland umzuwandeln. Nicht nur in geringen Lagen, sondern in den besten Weinbaugebieten dem See entlang werden Stöcke in grosser Zahl umgehauen. Die überaus ungünstigen Erträge dieses Herbstes dürften bewirken, dass in der Zürichseegegend im Laufe des bevorstehenden Winters ganz bedeutende Rebenkomplexe verschwinden werden, so dass das Rebareal nicht unbedeutend zurückgehen wird.» (SZOW 1913).
Auch in der Waadt war die Stimmung auf einem Tiefpunkt. Die Zeitung La Suisse Libérale schrieb am 16. Oktober 1913 unter dem Titel «Pas de vin!»: «O weh! Dreimal O weh! Die Polarluft, die uns vor genau sechs Monaten heimsuchte, hat alle Hoffnungen unserer tapferen Winzer zerstört. […]. Der Sommer hat alles vernichtet und die üblen Vögel haben fast alles geerntet, was auf den armen Rebstöcken wuchs. Die Trotten stehen still, es gibt keine Tansenträger, ermüdet vom Tragen der Ernte in die Trotte oder zu den Standen. Es gibt keine fröhlichen Reigen der Traubenleserinnen. Der Rebberg ist tot (Le vignoble est mort.)». In jenem Jahr wurde unter der Waadtländer Bevölkerung eine Spendenaktion zugunsten der notleidenden Weinbauern lanciert. Dabei kamen über 90000 Franken zusammen (ca. 1 Mio. Franken zum heutigen Geldwert!) (Compte rendu 1914, S. 74–75).
In den Jahren zwischen 1905 und 1917 ging die Rebfläche in der Schweiz um 9400 Hektaren zurück, doch nur 417 Hektaren oder weniger als 5% waren von der Reblaus betroffen.
MÜLLER-THURGAUS MAHNUNGEN
Hermann Müller-Thurgau war ein Liebhaber der schweizerischen Landweine, die «dank ihrer an- genehmen Frische, dem ausgesprochen eigenartigen Bouquet, dem Rassigen, bei meist nicht allzu hohem Alkoholgehalt auch bei Kennern volle Anerkennung erlangen» (Müller-Thurgau 1898, S. 16). Seinem Lob des Landweins stand aber die oft ungenügende Weinqualität gegenüber. Für Müller- Thurgau war deshalb eine Verbesserung der Weinqualität zentral. Er betonte immer wieder: «Je besser die Qualität, desto höher der Preis.» Hierin sah er die einzige Möglichkeit, das Einkommen der Weinbauern zu verbessern, zumal sich die Produktionskosten aus seiner Sicht kaum reduzieren liessen. Er forderte von den Weinbauern eine ganze Reihe von Massnahmen in den Rebbergen:
- Beschränkung des Weinbaus auf klimatisch günstig gelegene Gebiete.
- Ersatz geringwertiger Rebsorten wie Erlenbacher, Briegler oder Elbling.
- Verjüngung der Reben durch Vergruben und Ausmerzen unfruchtbarer Stöcke.
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Erweiterung der Stockabstände von oft nur 60 cm auf mindesten 90 cm als Massnahme gegen Falschen Mehltau und Traubenfäule und zur Förderung der Traubenreife.
- Sorgfältiges Spritzen gegen den Falschen Mehltau.
- Bessere Sönderung bei der Weinlese.
Auch verriet Müller-Thurgau seinen Zuhörern, dass die Versuchsanstalt Wädenswil eine neue Sorte, «ein Bastard zwischen der Rheinweinrebe und der Sorte Sylvaner» gezüchtet habe, die grosse Fruchtbarkeit, ziemlich frühe Reife und ein schönes, ausgesprochenes Weinbouquet vereinige.
Dann redete Müller-Thurgau den Weinbauern ins Gewissen: «Wie viel Wein fehlerhafter Beschaffenheit kommt bei uns zum Konsum, und welche Menge verdirbt derart, dass er nicht mehr ausgeschenkt werden kann!»
Tatsächlich stand es um die Qualität der Weine nicht gut, wie Analysen des Aargauer Kantonalen Laboratoriums von 1906 zeigten. Von 637 Weinen wurden 212 beanstandet. Die beanstandeten Weine waren künstlich gestreckt, gallisiert oder gar petiotisiert, also aus Trester oder Weinresten mittels Zuckerwasser hergestellt. Weitere Weine waren essigstichig, abgestanden oder sonst wie verdorben, mit «Missgeschmack» oder zu stark geschwefelt (RBRR AG, S. 64). Die Resultate aus dem Aargau waren keine Ausnahme.
Analysen der Schweizerischen Weinstatistik zeigen, wie dürftig die Weine grundsätzlich waren. Vom Jahrgang 1901 erreichte von den untersuchten Aargauer und Genfer Weinen keiner einen Alkoholgehalt von 10 % und die Säuregehalte lagen zwischen 5.7 und 9.5 ‰. Besser waren die Weine der Bündner Herrschaft, des Wallis und des Lavaux mit in der Regel über 10% Alkohol (Schweizerische Weinstatistik 1901).

Für Müller-Thurgau eines der Hauptprobleme des Weinbaus: die Importe. Bild: Der Güterbahnhof in Genf im Dezember 1905, vor der Erhöhung der Weinzölle auf den 1. Januar 1906. (© Rebbaukommissariat des Kantons Zürich)
Um die zum Teil sehr sauren Weine trinkbar zu machen, wurden sie gallisiert, das heisst es wurde Wasser zugesetzt, um die Säure auf ein vernünftiges Mass zu bringen und mit Zucker wurde der Alkoholgehalt wieder angehoben. Das Gallisieren von Weinen war weit verbreitet.
Müller-Thurgau sah die Hauptursache der vielen schlechten Weine in den «vielfach ungenügenden Kenntnissen bei der Gärung und dem weiteren Ausbau.» Seine Analyse war klar: «Hierzu gesellen sich mangelhafte Einrichtungen, alle Schattenseiten des Kleinbetriebes.» Um diesen Missständen abzuhelfen, redete Müller-Thurgau dem Zusammenschluss der Weinbauern in Weinbaugenossenschaften das Wort, denn «wohl nur genossenschaftliches Vorgehen (wird) zum Ziele führen».
MÜLLER-THURGAUS AUFRUF ZUR SELBSTHILFE
Zu den angemahnten Verbesserungen in Rebberg und Keller forderte Müller-Thurgau angesichts der schwierigen Lage des Weinbaus auch staatliche Interventionen.
- Gleichwertige Frachttarife für Wein im Vergleich zu den ausländischen Weinen und des
Bieres.
- Erhöhung der Weinzölle.
- Einführung einer Bier- oder Brausteuer.
- Deklarationspflicht für gallisierte Weine.
- Ein Kunstweinverbot.
Auch wenn die staatlichen Massnahmen wichtig seien, so sollte «jeder Weinbauer doch die Selbsthülfe hochhalten, also selbst mit aller Energie an der Verbesserung der Verhältnisse des Weinbaues arbeiten», schloss Müller-Thurgau sein Referat.
Soweit die Analyse von Müller-Thurgau. Um aber die ganze Breite und Tiefe der Schweizer Rebbaukrise zu erfassen, sei abschliessend auf die wirtschaftliche Situation des Weinbaus in den Jahren zwischen 1880 und 1930 eingegangen.
FEHLENDE ERNEUERUNG DES REBWERKS
Müller-Thurgau meinte in seinem Referat, dass sich «eine Verringerung der Produktionskosten […] wohl kaum oder nur in geringem Masse erzielen» liesse. Tatsächlich gab es im traditionellen Rebwerk kaum Änderungen, im Gegenteil: Mit der notwendigen Bekämpfung des Falschen Mehltaus nahm die Arbeitsbelastung der Weinbauern noch zu (Abb. 6).

Wie Produktionskostenberechnungen für den Kanton Aargau zeigen, nahm der Anteil der Handarbeitskosten an den gesamten Produktionskosten zwischen den 1880er-Jahren und 1930 von 48.5 auf 53 % zu. Im Weinbau gab es keine Fortschritte zur Verbesserung der Arbeitsproduktivität.
Rückläufig, von 17.3 Prozent auf 11.5 Prozent, war dagegen der Anteil des Zinses des Rebbergkapitals an den Produktionskosten, was auf den Wertzerfall des Reblands hinweist. Tatsächlich betrug 1928 der Wert einer Hektare Reben im Aargau real, unter Berücksichtigung der Geldentwertung, nur noch 71 Prozent des Werts von 1906/1913 (Altwegg 2021, S. 59).
DIE WIRTSCHAFTLICHEN PROBLEME DES WEINBAUS
Bereits in der Einleitung zu seinem Referat stellte Hermann Müller-Thurgau fest, dass im Kanton Zürich die Produktionskosten über Jahre hinweg nicht gedeckt waren. Er wies schon 1904 auf die schwierige, ja prekäre Lage der Weinbauern und ihrer Familien hin, als er mit Blick auf die Weinbauern des Zürcher Wein- und Unterlandes schrieb: «Zahlreiche Familien, die sich früher eines soliden Wohlstandes erfreuten, sehen sich immer mehr zurückkommen, trotzdem der Mann von früh bis spät arbeitet, trotzdem Frau und Kinder mithelfen müssen und obgleich Sparsamkeit bis zum äussersten getrieben wird.» (Müller-Thurgau 1904)
Wie es um die wirtschaftliche Situation des Weinbaus in jener Zeit stand, geht aus einer umfassen- den «Erhebung über Stand und Rentabilität des Rebbaus in der Schweiz» des Schweizerischen Bauernsekretariates von 1924 hervor. Gemäss dessen Berechnungen stand im schweizerischen Weinbau im Durchschnitt der Jahre 1906 bis 1913 Produktionskosten von Fr. 71.70/hl ein Weinpreis von Fr. 49.10/hl gegenüber, die Weinbauern also einen Verlust von Fr. 22.60/hl erlitten. Für die Jahre 1914 bis 1917 waren es Produktionskosten von Fr. 85.60/hl, ein Weinertrag von Fr. 78.10/hl und ein Verlust von Fr. 7.50/hl. Auf die Fläche bezogen, betrug der Verlust zwischen 1906 und 1913 Fr. 612.-/ha und Jahr, zwischen 1914 und 1917 von Fr. 94.-/ha und Jahr (Erhebungen über Stand und Rentabilität, S. 42). Ein noch genaueres Bild zur schwierigen wirtschaftlichen Lage des Weinbaus zeigen Produktionskostenberechnungen für den Kanton Aargau. Wie sich das auf die Weinerträge auswirkte, zeigt Abbildung 7.

Werden Produktionskosten und Betriebsaufwand ins Verhältnis zum Weinertrag in Fr./ha gesetzt, so zeigt sich, dass im Kanton Aargau die Produktionskosten über Jahre hinweg kaum je gedeckt waren und auch der Betriebsaufwand in vielen Jahren über dem Rohertrag lag.
EINE BILANZ
Zusammenfassend fällt auf, dass weder Müller- Thurgau noch die zahlreichen düsteren Berichte aus der Zeit die Reblaus als Gründe für die Rebbaukrise und das Schwinden der Rebberge nannten. Die Rebbaukrise war eine wirtschaftliche Krise, verursacht durch gehäufte Fehlernten, veränderte Konsumgewohnheiten, die Konkurrenz des Bieres, die ausländischen Weine und durch Kunstweine, mangelnde Weinqualität und eine fehlende Erneuerung des Rebwerks. Der Schweizer Weinbau schrieb über Jahre, ja Jahrzehnte hinweg Verluste. Die Reblaus war ein Problem, ein gravierendes sogar, aber sie trug nur unwesentlich zum Rückgang der Rebfläche bei.