© Raymond Schmid, Bourgeoisie de Sion, Médiathèque Valais – Martigny
Der um 1885 eingeschleppte Falsche Mehltau zwang die Rebbauern in der ganzen Schweiz, die Reben zu spritzen, um überhaupt Trauben ernten zu können.

DER SCHWEIZER WEINBAU IN BEDRÄNGNIS

Hermann Müller-Thurgau war ein Freund und Berater der Weinbauern, aber auch ein Mahner. Immer wieder ging er in Vorträgen auf ihre Sorgen ein, gab ihnen Ratschläge, mahnte sie aber auch zu richtiger Pflege der Reben und sorgfältiger Arbeit in den Kellern. Um seine Ansätze zu verstehen, ist eine Einbettung angezeigt.

Artikel von:
Andreas Altwegg
Agronom
Christian Pfister
Emeritus für Sozial- und Wirtschaftgeschichte
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 10/11 / 2025 , S. 52
Hermann Müller-Thurgau, der 1891 sein Amt als Direktor der Versuchsstation Wädenswil antrat, war sich der schwierigen Lage der Weinbauern bewusst. Ende 1908 hielt er in Stein am Rhein einen Vortrag zum Thema «Die gegenwärtige Lage des Weinbaus und Mittel zu dessen Förderung» (Müller-Thurgau 1909). Sein Vortrag war eine klare Analyse über den Zustand des Weinbaus in seiner Zeit. Müller-Thurgaus Analyse lässt sich, wie in diesem Beitrag zu zeigen sein wird, konkretisieren und mit Fakten belegen.
Einleitend beklagte Müller-Thurgau den Rückgang der Rebfläche in den Kantonen Zürich, St. Gallen und Thurgau um 27 bis 45 % und den «bedenklichen Rückgang des Verkehrswertes der Wein- berge». Die Produktionskosten hätten zugenommen und seien im Kanton Zürich über Jahre hinweg nicht gedeckt gewesen. Die Weinpreise blieben gleich oder hätten wegen der verminderten Kaufkraft des Geldes gar abgenommen. Müller-Thurgau sah drei wesentliche Ursachen für die düstere Lage des Weinbaus. Der Falsche Mehl- tau, der Ertragsausfälle verursachte, die ...