© J. Achermann
Am Kellereigebäude in Wädenswil fühlt sich die Madeleine Royale wohl.

ROYALE OFFENSIVE

Das turbulente Leben der Madeleine Royale. Oder: Wie die königliche Traube ein ewiges Schattendasein fristet. Eine Erzählung aus Sicht der Sorte.

Artikel von:
Jacqueline Achermann
Winzerin und Texterin
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 10/11 / 2025 , S. 26
Die Zeichen standen gut im Jahr 1845. Es war eine Zeit gewichtiger Erfindungen und gewaltiger Ereignisse, der Spielchen sportlicher und machthungriger Natur. In New York wurde der erste Baseballverein gegründet, der Gummireifen zum Patent angemeldet, die Sonne erstmals erfolgreich abgelichtet, Texas von den USA annektiert – und in einem französischen Städtchen bei Anjou erblickte eine Rebsorte das Licht der Welt. Mit dieser Sorte meine ich mich: Madeleine Royale. Ich bin das Ergebnis eines Tafeltrauben-Experiments des auf Rosen spezialisierten Zuchtbetriebs von Jean-Pierre Vibert, dessen Firma später von seinem Nachfolger mit dem Spitznamen Moreau-Robert übernommen wurde. Meine royale Bezeichnung aber täuscht. Blaues Blut floss nämlich nie durch meine Leitbahnen. Dafür radioaktive Moleküle. Doch dazu komme ich später.

Zu Unrecht unterschätzt

Meine Geschichte ist geprägt von Höhen und Tiefen. Wobei die Tiefen deutlich überhandnehmen. Irgendwie war stets der Wurm drin – nicht nur sprichwörtlich. Denn als weisse, pralle Traubensorte bin ich eine beliebte Brutstätte für den Sauerwurm. ...