Blühstreifen für mehr Biodiversität in den Weinbergen

Artenvielfalt ist ein Ergebnis der von Menschen geprägten Kulturlandschaft. Aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft aber sank die Biodiversität dramatisch. Jedoch gibt es Möglichkeiten, Weinberge mittels Blühstreifen aufzuwerten.


Autor_Walg-Oswald
Oswald Walg
DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück, Bad Kreuznach (D)


Viel der heutigen Artenvielfalt hat sich erst durch die Tätigkeit des Menschen gebildet. Durch die Abholzung von Wäldern sind vielfältige Biotope wie Waldlichtungen, Wiesen, Weiden, Felder, Streuobstflächen und Weinberge entstanden. Diese waren in der Vergangenheit klein strukturiert, eng vernetzt und es gab auf kleinem Raum eine Vielzahl verschiedener Pflanzen. Viele Wildpflanzen und Tiere, die in bewaldeten Gebieten keine geeigneten Lebensräume hatten, konnten sich auf den Offenlandflächen gut entwickeln. Spätestens seit den 1960er-Jahren ist jedoch durch die Intensivierung der Landwirtschaft und die dramatischen Veränderungen in der Landnutzung und der Landschaftsgestaltung ein rapider und besorgniserregender Rückgang der Artenvielfalt zu verzeichnen.

Biodiversität in Weinbergen

Auch die biologische Vielfalt in und an den Weinbergen lebt vom Strukturreichtum der Weinbergslandschaft. Hier gibt es einige Faktoren, die den Artenreichtum begünstigen – aber es gibt auch negative Entwicklungen, die zu einem deutlichen Rückgang der Biodiversität geführt haben. Positiv für die Artenvielfalt ist sicherlich das milde Klima in den Weinbauregionen. Besonders die ­trockenen und warmen Steillagen bieten einer besonderen Fauna und Flora einen Lebensraum. Diese Areale zählen zu den Hot­spotregionen der biologischen Vielfalt. Einige Hundert sehr seltener Pflanzen- und Tierarten sind auf den offenen und klimatisch warmen, trocknen (xerothermen) Lebensraum der Weinbergs­landschaft angewiesen (Abb. 1: Einstiegsbild). Die meisten dieser Arten profitieren weniger von offen gehaltenen oder begrünten Rebgassen, sondern vielmehr von Randstreifen, Wegrändern, ­Böschungen, Kleinterrassen, Weinbergsmauern, Steinriegel, ­Lesesteinhaufen, Sträuchern, Hecken, Einzelbäumen, Brachen und anstehendem Fels. Dieser Strukturreichtum ist als Standort für Pflanzen sowie Nahrungsquelle, Nist- und Wohnraum für viele Tierarten unerlässlich und Bedingung für deren Fortbestand. Nur dadurch ist gewährleistet, dass die unterschiedlichen Ansprüche von möglichst vielen Arten und Artenfamilien erfüllt sind. Diese Strukturvielfalt findet man vorwiegend noch in und an weniger gut mechanisierten, kleinparzellierten Steillagen (Abb. 2).

 

Abb. 2: Steillage an den Gestaden des Genfersees. (Foto: ©weinweltfoto.ch)

 

Ebene Lagen mit guter Mechanisierung, die sich in den letzten Jahrzehnten stark ausgebreitet haben, bieten dagegen häufig ein anderes Bild. Die wirtschaftliche Bearbeitung mit Maschinen und Geräten setzt möglichst grosse, zusammenhängende Flächen mit langen Zeilen voraus. Büsche, Hecken, Bäume oder gar Mauern sind störend, Böschungen und Randstreifen oft nur rudimentär­ ­vorhanden. Solche Flächen sind strukturarm und bieten demzu­folge auch nur eine schlechte Biotopvernetzung. Einen gewissen Heckenersatz bilden Minimalschnittanlagen, die von Hecken­brütern wie Finken-, Grasmücken-  und Drosselarten als Brutstätte genutzt werden, sofern die Landschaft nicht zu stark aus­geräumt und noch eine ausreichende Biotopvernetzung vorhanden ist (Abb. 3). Auch das dominierende Bodenpflegesystem von vor­übergehender Offenhaltung im Frühjahr und Sommer kombiniert mit einer Grasbegrünung in jeder zweiten Zeile trägt nicht zur Förderung der Biodiversität bei. Die Monokultur Rebe ist meist mit ­einer artenarmen Monokultur Gras gekoppelt. Auch die bearbeiteten Gassen sind artenarm. Durch die meist hohen Nährstoff- und Humusgehalte dominieren auf diesen Böden oft nur wenige Pflanzenarten, die als Stickstoff- und Humuszeiger einzustufen sind.

 

Abb. 3: Grasmücken-Brutstätte in den Reben.

 

Artenreiche Begrünungen für mehr Biodiversität

In jüngerer Vergangenheit sieht man immer mehr artenreiche ­Begrünungsgemenge in den Weinbergen. Damit kann ein ­wichtiger Beitrag zur Förderung der Biodiversität geleistet werden, denn durch eine höhere Anzahl an Blühpflanzen und der damit ­assoziierten Insektenvielfalt wird der Artenreichtum im Ökosystem Weinberg gefördert und erhöht (Abb. 4). Durch eine geeignete ­Zusammensetzung von Pflanzen mit unterschiedlichem Wachstum und Blühphasen lassen sich verschiedenartige Nahrungsange­bote und Lebensräume abdecken. Auch aus touristischer Sicht führt ­eine blühende Flora zu einer Aufwertung der Weinberge. Bei der Auswahl der Begrünungsmischungen sind unbedingt die Standortverhältnisse wie Bodenart, Wasserspeicherfähigkeit und Niederschlagsverteilung zu beachten. Für langlebige artenreiche ­Bestände müssen die Pflanzen an den Standort angepasst sein. Konkurrenzschwache Arten verschwinden nach kurzer Zeit wieder.

 

Abb. 4: Blühende Pflanzen sind als Nahrung für viele Insekten wichtig.

 

Neben den zahlreichen Vorteilen, insbesondere im Hinblick auf die Stärkung der Artenvielfalt, haben Begrünungen mit Blühpflanzen aber auch Nachteile, weshalb nicht jeder Winzer davon zu über­zeugen ist. Sollen die Blühstreifen zum Blühen und Aussamen kommen, müssen sie bis in den Sommer wachsen können. Dabei bilden sie oberirdisch ein üppiges Blattwerk und unterirdisch ein tiefer­gehendes Wurzelwerk. Daraus resultiert ein erhöhter Wasserverbrauch. Auf wenig wasserspeicherfähigen Böden oder in trockenen Jahren können dadurch die Reben verstärkt unter Trockenstress ­geraten und an Wassermangel leiden. Dies bestätigen auch Versuche von ­E. Kohl und M. Porten (Bodenerosion und Weinbergsbegrünung, www.dlr-mosel.rlp.de), die durch Einsaat von Begrünungs­mischungen bei Reben sichtbare Stresssymptome und ein ­reduziertes Trieb- und Traubenwachstum festgestellt haben. Auch die geringere Fahrfestigkeit gegenüber Grasbegrünungen ist ein Argument gegen kräuterreiche Begrünungen. Diese Nachteile schmälern die Akzeptanz ­gegenüber diesen Begrünungen bei Winzern stark.

Blühstreifen – eine praktikable und sinnvolle Lösung

Am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinhessen-Nahe-Hunsrück wurden deshalb Überlegungen angestellt, wie man durch Begrünungen die Biodiversität erhöhen und gleichzeitig die beschriebenen Nachteile ausschliessen kann. Die gute Befahr­barkeit durch die Grasbegrünung sollte erhalten und die Wasserkonkurrenz durch die Begrünungspflanzen auf einem tolerierbaren Niveau gehalten werden. Das Ergebnis ist die Etablierung von schmalen Blühstreifen zwischen der Schlepperbereifung. ­Dadurch wird der Gefahr begegnet, dass die kräuterreichen Begrünungen durch die regelmässigen Befahrungen im Schlepperspurbereich zerstört werden. Die Blühstreifen können sowohl in der offenen als auch in der ansonsten grasbegrünten Gasse angesät werden. ­Abbildung 5 zeigt die entsprechende Aufteilung bei einer Gassenbreite von zwei Metern und dem verbreiteten Bodenpflegesystem mit Offenhaltung im Frühjahr und Sommer, kombiniert mit einer Grasbegrünung in der Nachbarzeile. Der Blüh­streifen mit 50 cm Breite ist in der bearbeiteten Gasse zwischen den Reifen angelegt. Daraus resultiert ein Flächenbedarf von nur 12.5 %, wogegen 50 % der Fläche (restliche Gasse und Unterstockbereich) offen bleiben. Bei entsprechender Pflege ist dieser Anteil für die Wasser­versorgung der Reben normalerweise ausreichend. Die Grasbegrünung in der Nachbarzeile mit 37.5 % ­­Flächenanteil gewährleistet die Befahrbarkeit in dieser Gasse. Die teilweise Offenhaltung durch Bearbeitung im Frühjahr und Frühsommer ist auch für die Arten­vielfalt förderlich, denn bestimmte Arten wie Ödlandschrecken, Steinschmätzer oder Zwiebel­geophyten sind auf dieses Habitat­ ­angewiesen.

 

Abb. 5: Aufteilung der Bodenpflege bei Blühstreifen in der bearbeiteten Gasse unter der Schlepperspur bei 2 m Gassenbreite.

 

Ab etwa Mitte Juli sollte auf der bearbeiteten Fläche der offenen Gasse eine spontane Verunkrautung toleriert werden. Auch die Einsaat einer Herbst- oder Winterbegrünung neben dem Blühstreifen ist denkbar. Hierfür sind bei den Sägeräten die mittleren Saatgutleit­ungen zu schliessen. Für die Saatbettbereitung müssen Werkzeuge (z.B. Fräsmesser oder Schare) im Bereich des Blühstreifens demontiert werden. Herbstbegrünungen sind Winterbegrünungen vorzu­ziehen. Sie frieren schon bei geringen Minusgraden ab und bereiten deshalb im kommenden Frühjahr weniger Probleme bei der Ein­arbeitung. Geeignete Pflanzen hierfür sind beispielsweise Gelbsenf, Sommerraps, Futtermalve, Phacelia, Buchweizen owder Ramtillkraut. Winterbegrünungen wie Roggen oder Winterraps bilden bis Frühjahr einen hohen Bestand, der vor einer Einarbeitung gemulcht werden muss. Hierfür sind entsprechend breite Schlegelmulcher geeignet. ­

Zur Schonung des Blühstreifens müssen die Schlegel in der Wellenmitte abgebaut werden.

Etablierung von Blühstreifen

Im Obstbau gibt es schon langjährige Erfahrungen mit Blühstreifen. Mit dem gezielten Erhöhen der Pflanzenvielfalt will man gleich­zeitig die Lebensbedingungen von Räubern, Parasitoiden und ­Bestäubern verbessern. Viele Versuche zeigten, dass damit eine bessere ­biologische Schädlingsbekämpfung möglich ist, weil es in Blühstreifen zu einer deutlichen Erhöhung der natürlichen Gegen­spieler kommt. Untersuchungen ergaben, dass besonders Marienkäfer, Florfliegen, Schwebfliegen, parasitoide Wespen, Spinnen, Lauf- und Kurzflügelkäfer, Raubwanzen, Raubmilben und Ohrwürmer durch Blühstreifen gefördert werden.

Die Samen für einen Blühstreifen können von Mitte März bis April oder Mitte Juli bis Mitte August ausgesät werden. Der ­frühere Termin ist günstiger für den Aufwuchs, sofern über einen längeren Zeitraum eine ausreichende Bodenfeuchte vorhanden ist. Ist das Frühjahr trocken, was in den letzten Jahren häufiger der Fall war, ist der Sommertermin zu bevorzugen. Ein sorgfältig vorbereitetes Saatbett ist für eine gute Keimung und Entwicklung der ausge­säten Pflanzenarten wichtig. Die Saatbettbreite ergibt sich aus dem Innenabstand der Schlepperreifen. Im System mit Offenhaltung der restlichen Gasse kann mit Vorgrubber und Fräse oder Kreiselegge relativ einfach das Saatbett über die Arbeitsbreite der Geräte bereitet werden. Dabei wird gleichzeitig eine Kapillar­zerstörung und Unkrautbeseitigung in der Gasse erzielt. Schwieriger ist die Saatbettbereitung in einer bestehenden Grasbe­grünung. Hierfür muss der mittlere Grasstreifen beseitigt werden. Dies ist mit mittig gestellten Vorgrubberscharen in Kombination mit einer Fräse, deren äussere Messerkränze abgeschraubt sind, möglich. Für eine gute Zerkleinerung und Einarbeitung des ­Grases sind meist zwei Arbeitsgänge erforderlich. Auch ein vorheriges Abspritzen der Grasmitte mit einem Blattherbizid kann sehr hilfreich sein und den Umbruch des Grases erleichtern. Bei der Aussaat ist zu beachten, dass viele Kräuterarten Lichtkeimer sind und deshalb eine feinkrümelige Bodenstruktur benötigen und von ­einem sich setzenden Boden nicht zu sehr bedeckt werden. Das Saatgut muss deshalb flach ausgebracht werden (maximale Ablagetiefe ca. 0.5 cm) und darf nicht eingearbeitet werden. Ein ­Anwalzen nach der Aussaat ist wichtig für den nötigen Bodenschluss und eine gleichmässige Keimung. Sollten sich nach der Aussaat vermehrt unerwünschte Unkräuter entwickeln, die nicht zur Samenreife gelangen sollen, ist ca. sechs Wochen nach der Aussaat ein Schröpfschnitt auf etwa 10 cm vorzunehmen. Damit bekommen gleichzeitig die Keimlinge der Kräuter mehr Licht.

Bei der Bewuchssteuerung ist besonders bei kräuterreichen ­Begrünungen das Walzen dem Mulchen vorzuziehen, da damit die Pflanzen weitgehend erhalten werden können und weiterhin die ­Lebensgrundlage für die ansässigen Tierarten bieten. Zum Walzen eignen sich Rauwalzen wie Prismen-, Cambridge-, Crosskill- oder spezielle Mulchwalzen. Die Walzen sollen die Begrünungspflanzen nachhaltig umdrücken. Die Pflanzenstängel sollen geknickt werden, um den Saftfluss zu behindern, ohne dass dabei zu viele Pflanzen­stängel zerschnitten werden. So werden die ­Sprossachsen nicht komplett zerstört oder von der Wurzel getrennt. Der Saftfluss bleibt zumindest teilweise erhalten und die Pflanzen können im ­niedergedrückten Zustand weiterwachsen und sich unter ­günstigen Bedingungen auch aussamen. Voraussetzung für ein Aussamen ist allerdings, dass die Begrünungspflanzen auch zur Blüte kommen. Dies erfordert vom Bewirtschafter eine ent­sprechende Bewuchstoleranz. Dies gilt auch im Hinblick auf die Wasserkonkurrenz.

 

Tab.: Eigenschaften verschiedener Weinbergsbegrünungen.

 

Blühstreifen in der Praxis

Blühstreifen können aus Naturbegrünungen (Spontanbegrünungen) oder eingesäten Begrünungen bestehen. Naturbegrünungen sind meist ­artenarm, und es dominieren nur wenige konkurrenzstarke, standortangepasste Pflanzen. Daher ist ihre Wirkung in Bezug auf eine Stärkung der Biodiversität und ökologische Aufwertung der Weinberge geringer als bei gezielten Einsaaten. Bei Einsaaten können Gemenge- oder Reinsaaten zum Einsatz kommen. Gemenge sind artenreich und haben dadurch lange Blühphasen. Für Reinsaaten eignen sich Leguminosen recht gut. Es sind bis auf wenige Ausnahmen mehrjährige, ausdauernde Pflanzen, die recht nutzungselastisch sind und das Mulchen gut vertragen. Sie sind zudem in der Lage, den Stickstoff in Symbiose mit Knöllchenbakterien aus der Luft zu fixieren. Über Mineralisation der abgestorbenen Pflanzenteile wird der darin enthaltene Stickstoff dem Boden zugeführt und steht dann auch den Reben zur Verfügung. Mehrjährige Leguminosen können im Reinbestand auf diese Weise dem ­Boden jährlich bis zu 250 kg/ha Stickstoff zuführen. In der Tabelle sind wichtige Eigenschaften von Naturbegrünungen, Gemengemischungen und Leguminosen zusammengestellt. Abbildung 6 zeigt eine typische Bienenweide mit verschiedenen Begrünungspflanzen.

 

Abb. 6: Blühstreifen als Bienenweide, zwei Jahre nach Einsaat.

 

Fazit

Die Offenhaltung jeder zweiten Gasse im Frühjahr und Sommer ­kombiniert mit einer Grasbegrünung in der anderen Gasse ist ­gängige Praxis. Diese Art der Bodenpflege ist strukturarm und bietet dadurch nur wenigen Pflanzen- und Tierarten einen Lebensraum. Die Etablierung einer vielfältigen Pflanzengesellschaft kann die Arten­vielfalt deutlich erhöhen. In Zeiten des Klimawandels mit höheren Temperaturen und längeren Trockenphasen bestehen seitens der Winzer aber grosse Vorbehalte gegenüber Begrünungen, die einen erhöhten Wasserbedarf haben. Die Angst vor zu viel Wasserkon­kurrenz, einhergehend mit geringeren Erträgen und schlechteren Qualitäten, ist nicht unbegründet. Eine praktikable Lösung bietet ein schmaler Blühstreifen in der Gassenmitte zwischen der Schlepperbereifung. Damit wird die Wasserkonkurrenz zu den Reben in ­Grenzen gehalten.

Titelbild

© Hans-Peter Siffert/weinweltfoto.ch


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