Buchrezension «Baummord»

Nach dem Zweiten Weltkrieg erliess der Bund die Vorschrift, Hundertausende Obstbäume zu fällen. Hintergrund und Umsetzung werden nun im Buch «Baummord» aufgearbeitet.


Fabian Brändle
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 06 / 2022 , S. 33

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Schweiz Hunderttausende von Hochstammobstbäumen gefällt. Urheber dieses «Baummordes» war der Bund, der auf Modernisierung der Obstkulturen drängte und sein finanzielles Defizit abbauen wollte. Tatächlich waren viele Hochstammkulturen nicht rentabel, und auch die Subventionierung des Obsts schlug zu Buche.

Der Historiker Franco Ruault hat diese dramatisch anmutenden Vorgänge in einer wohltuend schlank geratenen, gut geschriebenen Arbeit für den Kanton Thurgau genauer untersucht. Ruault hat schriftliche Quellen gesucht, aber auch mit zahlreichen, mittlerweile betagten Thurgauer Zeitzeugen geredet. Entstanden ist ein sehr kritisches, manchmal vielleicht etwas einseitiges Panorama von Zerstörung und mehr oder weniger (passivem) Widerstand dagegen. 

Krasses Bild der Zerstörung

Wenn eine Abräum-Crew einen Hof aufsuchte, bot sich nachher ein wahrhaft schlimmes, krasses Bild der Zerstörung: «Wie im Krieg», so kritische Stimmen dazu. Nichts war mehr übrig von der so anmutigen Thurgauer Landschaft, die einst fremde Reisende als wahren «Garten Eden» beschrieben hatten. Die meist blutjungen Baumfäller und -auszehrer verrichteten ganze Arbeit. Sie wurden relativ gut bezahlt, waren «Chrampfer»,  abenteuerlustig und kamen herum im «Obstparadies». Gern tranken sie schon morgens Schnaps und hantierten dann angetrunken mit ihren Motorsägen herum. Die Motorsäge war als mechanisiertes Werkzeug noch nicht lange in Gebrauch und versprühte einen Hauch von Modernität. Nach dem Feierabend sassen die Fäller gern gruppenweise in einem Wirtshaus zusammen und schäkerten mit den österreichischen Serviertöchtern. Das Geld sass locker im Portemonnaie. Es war eine wilde, aufregende Zeit.

Nicht alle Bauern waren einverstanden mit den staatlich verordneten Fäll-Aktionen. Die meisten reagierten indessen passiv. Manche aber wehrten sich, wurden sogar handgreiflich, so jener Bauer, der einen Beamten mit einer Mistgabel stach. Nützen tat dies wenig. Doch das blieben verzweifelte Einzelaktionen, der Widerstand blieb unkoordiniert und war apolitisch. Die Befürworter der Aktionen behielten die Oberhand. Erst in jüngerer Zeit hat der Hochstammbaum wieder an Terrain gewonnen, ist aber bereits wieder umstritten, denn die Qualität des Obsts ist nicht immer marktgerecht.

 

Ruault, Franco. «Baummord». Die staatlich organisierten 
Schweizer Obst­baum-Fällaktionen 1950–1973.  Frauenfeld 2021.

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