Initiiert wurde der Wettbewerb 2022 von Food-Journalist und Sensoriker Patrick Zbinden. Gleich zu Beginn des Jurytags im Richemont Kompetenzzentrum für Bäckerei, Konditorei und Confiserie in Luzern formulierte er deutlich, welche Ansprüche er an die Jury stellt und was er von ihr erwartet: Neutralität, Transparenz und eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Handwerk und künstlicher Intelligenz (KI). Dazu brachte er Confiserie- und Spirituosen-Fachleute sowie Medienschaffende zusammen.
Der Aufforderung folgend, macht sich die rund 30-köpfige Jury – inklusive Obst+Wein-Redaktorin – ausgestattet in weisser Confiseur-Arbeitskleidung eifrig an die Arbeit. Das Praliné wird als Ganzes verkostet und anschliessend nicht gespukt. Den Auftakt bildete eine «Nullrunde»: Gemeinsam wurde ein Referenz-Praliné degustiert, um die sensorische Sprache zu kalibrieren. Was bedeutet Dominanz? Wann trägt der Wacholder, wann wird er überlagert? Schnell wurde klar: Gin ist eine Diva. Seine Aromatik aus Kräutern, Wurzeln, Rinden, Gewürzen, Beeren oder Tee ist komplex – doch ohne prägnante Wacholderbasis verliert er seine Identität. Anders als Whisky oder Rum verzeiht er wenig.
Wo bleibt die Gin-Dominanz?
Handwerklich bewegten sich die Einsendungen auf hohem Niveau, da waren sich die Jurymitglieder einig: sei es in der Verarbeitung der Couverturen, den präzisen Texturen oder aber auch in den vielfach starken Schokoladenaromen. Doch in einem Gin-Praliné sollte der Wacholder dominieren. Nicht als Randnote, sondern als tragende Identität. So verlangt es die Spirituosen-Gesetzgebung für Gin und so wurde es auch an diesem Wettbewerb ausgelegt. Und genau dies stellte sich als Knackpunkt des Concours du Praliné à l’eau-de-vie – Édition Gin 2026 heraus.
Der Grundtenor der Jury war daher kritisch und monierte die zu dezenten Gin-Noten, zudem fehlte oft das Wacholder-Aroma. War bereits der eingesetzte Gin zu wenig wacholderbetont oder ging seine flüchtige Aromatik in der Ganache (Sahnecreme, die zum Füllen und Überziehen von Gebäck und Süssigkeiten verwendet wird) schlicht unter? Zbinden präzisiert: «Für die Jury stand ausser Frage, dass ein eingereichtes Praliné die sensorischen Anforderungen an einen Gin klar widerspiegeln muss – allen voran die dominante Wacholdernote. Ein Gin-Praliné darf seine Identität nicht allein über Zitrus- oder Gewürzanklänge definieren, sondern muss den typischen Charakter der Spirituose deutlich erkennen lassen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen handwerklicher Feinheit und aromatischer Klarheit entschied sich, ob ein Produkt als charakterstark oder zu verhalten wahrgenommen wurde.» Interessant ist ausserdem, dass von den 53 Produkten nur ein einziges ohne Alkohol eingereicht wurde – ein mutiger Sonderfall sozusagen.

Die strenge Jury machte es sich nicht einfach. (© O+W)
Auch ein Praliné kann eine Geschichte erzählen
Die Bewertung erfolgte zweistufig: 80 Punkte vergab die Fachjury für Sensorik und handwerkliche Umsetzung. Dabei sass jeweils eine Fachperson der Branche Konditorei-Confiserie mit einer Journalistin oder einem Journalisten zusammen, auch bekannte Gesichter aus der DistiSuisse-Jury sorgten für zusätzliche sensorische Kompetenz.
Doch zählte neben der Aromatik auch die erzählerische Kraft: Wie stimmig ist der Name? Bleibt man an der Geschichte dran? «Eine emotionale Welt zu schaffen, ist ein Teil des Ganzen», wie Zbinden es formuliert. Die zusätzlichen 20 Punkte entfielen deshalb auf das Storytelling. Dementsprechend wurde jeder Produzent und jede Produzentin aufgefordert, nicht nur ein Produkt, sondern auch eine dazugehörige Geschichte einzureichen. Und genau diese Storytelling-Punkte konnten entscheidend sein. Ein gutes Praliné wirkt nicht nur im Mund, sondern auch im Kopf. Um die Entscheidungen der Jury nachvollziehen zu können, erhalten alle Teilnehmenden ein ausführliches Feedback.
KI kann auch süss
Eine Besonderheit der Verkostung war die transparente Einbindung von künstlicher Intelligenz zur sprachlichen Verdichtung der Jurybegründungen. Mit definiertem Prompt arbeiteten die Jurorinnen und Juroren unter anderem mit Modellen von OpenAI, Google, Anthropic und Mistral AI. Die sensorische Entscheidung blieb klar menschlich – die KI unterstützte beim Formulieren, nicht beim Richten. Ein interessanter Schulterschluss von Handwerk und Technologie.
Das Praliné «Wacholder-Nocturne» von Karin Wiebalck-Zahn aus Gächlingen (Kursleiterin zur Pralinenherstellung), wurde bei der Prämierungsfeier Ende Februar bei Max Felchlin in Ibach zum Sieger-Praliné gekürt. Der Wettbewerb zeigte eindrücklich: Gin im Praliné ist kein Selbstläufer. Er verlangt Präzision und Mut zur Klarheit. Der Wacholder ist kein dekoratives Beiwerk, sondern Fundament. Und genau darin liegt die Herausforderung: Zwischen Gesetz und Kreativität eine Balance zu finden, in der die Diva nicht verstummt, sondern glänzt.