© neu angelegte Rebterrassen, Buechberg Thal, Rebberg,Thal, St.Gallen, Schweiz,

Nachgefragt bei Markus Hardegger

Im Jahr 2008 schrieb der mittlerweile pensionierte Rebbaukommissär Markus Hardegger einen Bericht über die «Erhaltung alter Rebsorten im Kanton St.Gallen». Wir haben bei Markus Hardegger nachgefragt, wie der Stand nach 20 Jahren Sammeltätigkeit aussieht.

O+W
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 01 / 2023 , S. 22

Obst+Wein: Markus Hardegger, bereits vor 15 Jahren war der Sortengarten in Frümsen auf guten Wegen. Wie sieht es heute aus und wie viele Sorten haben Sie bzw. der Verein Arca Vitis bereits gesammelt?

Markus Hardegger: Der Sortengarten des Staatswingerts Frümsen gehört zum Landwirtschaftlichen Zentrum Rheinhof in Salez. Er beherbergt heute insgesamt 420 Rebsorten in fünf Quartieren. Ein Quartier ist den historischen Rebsorten gewidmet. In der Zwischenzeit ist es uns gelungen, 150 von insgesamt 156 historischen Schweizer Rebsorten wieder zu finden, veredeln zu lassen und anzupflanzen. Alle diese Sorten sind in der Literatur beschrieben und auf der Nationalen Genbank PGRL des Bundesamtes für Landwirtschaft registriert. Die Aufbauarbeit ist somit abgeschlossen. Der Verein Arca Vitis, deren Präsident ich bin, wird sich in Zukunft vermehrt um die In-Wert-Setzung von geeigneten historischen Rebsorten kümmern. Ich möchte noch anfügen, dass ich alle diese umfangreichen Arbeiten nie allein hätte machen können. Die Agronomin Barbara Oppliger hat mich mit ihrem Team von Anfang an unterstützt. Bei den Inventarisierungsarbeiten in der Deutschschweiz waren es meine Kolleginnen und Kollegen in den Weinbaufachstellen, die mir tatkräftig zur Seite gestanden sind.

Welche Sorten sind für Sie persönlich die Highlights und/oder haben eine spezielle Geschichte?

Im Zuge der Inventarisierungsarbeiten haben wir mindestens fünf bisher verschollene Rebsorten wiedergefunden. Für mich persönlich sind der Schweizer Malbec, eine Sorte aus der Cot-Gruppe, und der Blaue Thuner (Abb. 1) ganz spezielle Funde. Den Schweizer Malbec haben wir in Thun auf dem Gutsbetrieb Schadau wiederentdeckt. Dort steht ein sehr schöner, uralter Rebstock von dieser Sorte. Wir haben im Winter 2015 Holz für die Veredelung geschnitten, veredeln lassen und anschliessend zwölf Rebstöcke in die NAP-Einführungssammlung in Frümsen gepflanzt. Damals war es noch nicht klar, ob es sich zweifelsfrei um einen Schweizer Malbec handeln würde. Es dauerte einige Jahre, bis wir diese Sorte mithilfe von Andreas Jung, unseres ausgewiesenen Ampelographen, und einer Genanalyse sicher bestimmen konnten. Einen markanten Rebstock der Sorte Blauer Thuner haben wir in Quinten bei der alten Post gefunden. Er gedeiht noch heute in Form einer mächtigen, uralten Pergola-Rebe. Man nimmt an, dass es sich dabei um den ältesten Rebstock im Kanton St.Gallen handelt. In der Literatur wird der Blauer Thuner häufig mit dem Synonym Peloursin noir beschrieben. Wahrscheinlich wurde diese Rebsorte in früheren Zeiten von Söldnern oder Kaufleuten von Frankreich in die Schweiz eingeführt. Es gibt ampelographische Quellen, die eine Verbindung zwischen dem Blauen Thuner und dem Hitzkircher sehen.

Abb. 1: Blauer Thuner. (© M. Hardegger)

Gibt es Sorten, die Sie noch nicht gefunden haben, die aber in den historischen Büchern erwähnt sind?

Auf der Suche nach verschollenen Sorten, die in der Literatur nachgewiesenermassen in der Schweiz angebaut worden sind, fehlen uns nur noch wenige Sorten. Es sind dies beispielsweise Uccellina nera, Rampinella und Besgano bianco aus dem Tessin. Diese Sorten konnten trotz einer Vielzahl von Rebmustern, die wir vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit Pro Specie Rara und dem Landw. Zentrum Mezzana im Sottoceneri untersucht hatten, nicht gefunden werden.

Von praktisch allen Sorten existieren teilweise verschiedene Synonyme. Wie kann man sich hier zurechtfinden?

Die unterschiedlichen Sortennamen und die häufigen Synonyme sind tatsächlich eine riesengrosse Herausforderung. Es gibt historische Rebsorten, die über Hunderte von Synonymen verfügen. Mit dem Aufkommen der Genanalysen konnten verschiedene falsche Zuordnungen zweifelsfrei geklärt werden. Das prominenteste Beispiel ist die Sorte Müller-Thurgau, die dank den Genanalysen von Ferdinand Regner nicht eine Kreuzung von Riesling x Sylvaner, sondern eine Kreuzung von Silvaner x Madelaine Royale ist. Die Problematik der Synonyme kann man gut anhand der Bodenseetraube aufzeigen. Sie gehört nach dem Ampelographen F.X. Trummer zur Gruppe der Blauen Silvaner (Abb. 2). Die Sorte hat aber auch eine grosse Ähnlichkeit mit dem Béclan, der vom Ampelographen A. Jung im Gebiet Saale-Unstrut gefunden worden ist. Ein weiterer Ampelograph Freiherr A.W. von Babo sieht eine enge Verwandtschaft mit dem Affentaler. Diese Sorte wird in der Literatur auch als Blaue Bodenseetraube oder sogar Bodenseeburgunder beschrieben. Einige Ampelographen sehen in dieser Sorte eine Spielart des Blauburgunders. Offensichtlich ist eine Verwandtschaft mit dem Pinot noir gegeben. Historische Quellen belegen, dass im Jahr 882 im Königsweingarten zu Bodman am Bodensee Burgunderreben gepflanzt worden sind.

Abb. 2: Blauer Sylvaner. (© M. Hardegger)

Ein weiteres Problem: Die Klone. Wie berücksichtigen Sie diese verwandtschaftlichen Beziehungen zum Beispiel beim Pinot noir?
Alle Rebsorten bestehen aus mehr oder weniger Klonen. Je älter die Sorte, umso mehr Klone, meist als Ausbildung von spontanen Knospenmutationen. Deshalb gibt es bei den historischen Sorten einen unglaublich grossen Bereich von Klonen. Das Sammeln von Klonen kann eine Ergänzung sein und wäre sogar sinnvoll. Es liegt aber auf der Hand, dass sie die Anbaufläche von Sortengärten und das Budget sprengen würden.

«Das Sammeln von Klonen wäre sinnvoll, würde aber die Anbaufläche des Sortengartens und das Budget sprengen.»

Im Sortengarten beanspruchen die Piwi-Sorten einen recht grossen Platz. Nachdem fast jedes Jahr neue Sorten auf den Markt gelangen. Können Sie hier alle berücksichtigen?

Das ursprüngliche Ziel unserer Piwi-Sammlung war, so viele Rebstöcke anzupflanzen, damit grundsätzlich Kleinkelterungen möglich wären. In der Zwischenzeit hat das Potenzial an möglichen Piwi-Sorten schon fast inflationäre Züge angenommen. Leider können wir gar nicht mehr alle Sorten anpflanzen.

Einer wie Sie wird kaum nur daheim sitzen und Däumchen drehen: Was haben Sie sich vorgenommen und werden Sie sich weiterhin im Sortengarten engagieren?

Meine berufliche Tätigkeit hat mich bis auf den letzten Tag begeistert und erfüllt. Darum möchte ich in Zukunft ein aktives Rentnerleben führen. Für die Ampelographie konnte ich mir aber viel zu wenig Zeit nehmen. Ich werde mich weiterhin für die Erhaltung von historischen Rebsorten einsetzen. Der Verein Arca Vitis, bei dem ich als Präsident fungiere, konnte vor einigen Jahren das literarische Vermächtnis von Marcel Aeberhard in Form von rund 300 ampelographischen Büchern und Schriften übernehmen. Es ist mir wichtig, diesen Nachlass aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Zur Person

Nach seiner Ausbildung an der Ingenieurschule Wädenswil trat Markus Hardegger 1989 seinen Job als Leiter der Fachstelle Weinbau an der Landwirtschaftlichen Schule Rheihof in Salez (SG) an. Als amtierender Rebbaukommissär initiierte er in den Nullerjahren das Projekt eines Sortengartens im Staatswingert Frümsen. Ende November 2022 trat er in seinen wohlverdienten Ruhestand, bekleidet aber weiterhin den Posten des Präsidenten im Verein zur Erhaltung alter Rebsorten «Arca Vitis». Hardegger ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und vierfacher Grossvater.

 

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