Editorial

«Nöd nahlaa gwünnt!»

Artikel von:
Markus Matzner
Chefredaktor Obst+Wein
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 10/11 / 2025 , S. 3

Liebe Leserin, lieber Leser

Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts mehr von ihm vorhanden ist? Erlauben Sie mir diese philosophische Frage als Einstieg für unsere Sondernummer, die wir leicht augenzwinkernd «Eine Art Festschrift» nennen. Für wen diese Festschrift «uf en Aart» (muss mit thurgauischem Akzent ausgesprochen werden) ist, dürfte auch schon klar sein. Der Herr, für den wir das Ganze veranstalten, wäre in diesem Oktober 175 Jahre alt geworden. Zu seiner Zeit ein methusalemisches Alter, in der heutigen Zeit der Selbstoptimierung und des Kryoschlafs anscheinend nicht mehr völlig undenkbar. Wobei die Verbindung zum biblischen Methusalem durchaus passt: So war ja dessen Enkel Noah der erste Winzer und in der Weinsprache trägt die 6-L-Flasche ebenfalls den Namen Methusalem. Womit wir beim Thema sind. Ja, Hermann Müller-Thurgau hat eine Traubensorte gezüchtet. Ja, seine Schöpfung ist die meistangebaute, weisse Neuzüchtung der Welt geworden. Ja, das wird auch in dieser Nummer vertieft und ja, wir zeigen auch, wie es zu dieser erstaunlichen Verwechslung der Vatersorten gekommen war.

Doch das ist nur ein Aspekt dieser Festschrift. Denn Müller-Thurgau war weit mehr als nur ein Botaniker und Züchter. Er war Physiologe, Mikrobiologe, Biochemiker, Verfahrenstechniker, Universalgelehrter, Ausbildner, Lehrer, Ehemann, Vater, Innovator und Inspirator für unzählige Nachfolgerinnen und Nachfolger. Dennoch trat er bescheiden auf und hielt sich aus dem Scheinwerferlicht heraus. Er hätte möglicherweise nicht mal gebilligt, dass man über ihn eine Festschrift machte, dennoch finden wir, dass er es verdient hat. Wie Lukas Bertschinger, seines Zeichens Präsident des Vereins ErlebnisMüllerThurgau, aufzeigt, läge die Wertschöpfung der Müllerschen Innovationen heute noch bei mehreren hundert Milliarden Franken. Pro Jahr, versteht sich. Doch das Monetäre allein war für uns nicht ausschlaggebend. Weit spannender ist die pure Vielfalt an Verbindungen, die sich aus Müller-Thurgaus Schaffen bis heute spinnen lassen.

Was bleibt von einem Menschen, wenn nichts mehr von ihm übrig ist? Eine Antwort auf diese Frage könnte lauten: Dessen Geist, dessen Ideen, dessen Spirit. Und genau diese unbeschreibliche und flüchtige Essenz, die doch Berge versetzen kann, möchten wir Ihnen in diesem Heft näherbringen. Nicht zuletzt auch, um unseren angestammten Branchen Mut zu machen, dass mit Innovation und Pioniergeist auch unlösbar scheinende Probleme plötzlich gemeistert werden können. Oder um es in den Worten von Müller-Thurgau zu sagen: «Nöd nahlaa gwünnt!»

Ihr

Markus Matzner
Chefredaktor Obst+Wein

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