Der Mann aus der Westschweiz wählt äusserst drastische Worte: «Wenn wir jetzt nicht reagieren, wird der Schweizer Weinbau sterben», sagt er gegenüber dem französischen Branchennewsletter «Vitisphere» vom 19. Februar 2026. Das tönt nach Pest und Cholera und als schwebte das Damoklesschwert nicht mehr über den Köpfen, sondern wäre schon hinuntergefahren und hätte ein Massaker angerichtet. Absender dieser recht erstaunlichen Botschaft ist Olivier Mark, Präsident der Branchenorganisation der Waadtländer Weine (vgl. Interview unten), kurz CIVV. Wenn einer wie er gleich zum maximalen Schreckgespenst greift, muss etwas Krasses passiert sein im Weinstaat Waadtland, immerhin der zweitgrösste Player in der Schweiz. Wie er gleich selbst ausführt, hat sich tatsächlich viel Unerfreuliches getan: So zeigen die Konsumzahlen klar auf, dass der Rückgang ungebremst weitergeht. Seit dem Jahr 2000 brach der Pro-Kopf-Konsum um rund 20 % ein. Zwar liegen die genauen Zahlen für 2025 noch nicht vor, aber sie dürften nicht besser sein, zumal die letztjährige Ernte gut ausfiel und die Keller voll sind.
Der zweite Schock
Dann kam der zweite Schock: Ende Januar erhielten rund 250 Winzerinnen und Winzer in den Kantonen Waadt, Genf und Wallis, die ausschliesslich vom Weinbau leben, einen Brief ihres Hauptabnehmers. Darin wurde ihnen mitgeteilt, dass die Ernte 2026 nicht oder höchstens teilweise aufgekauft werde. Absender ist der 1893 gegründete Weingigant Schenk S.A., mit Sitz in Rolle – einer der grössten und wichtigsten Weinproduzenten der Schweiz, der auch als internationaler Händler fungiert. In einem Interview mit der Zeitung «24 Heures» äusserte sich André Fuchs, Direktor der Schweizer Niederlassung des Hauses Schenk, schon im letzten Herbst zur Misere: «Der Konsumrückgang ist ein echtes Risiko für unsere Weinberge und die Landschaften, die sie prägen.» Für einen Manager ist die Konsequenz klar: «Unser Haus», sagt er unumwunden, «kann nicht den ganzen Markt stützen, besonders, wenn die Lagerbestände zu hoch sind.» Und er verortet einmal mehr das Hauptproblem am Esstisch: «Die Gewohnheiten ändern sich, das Glas Wein, das früher täglich zum Essen getrunken wurde, wird nur noch gelegentlich getrunken. Die Menschen treffen sich seltener und junge Leute trinken eher Cocktails. Aber nicht nur junge Leute trinken weniger, sondern auch ihre Eltern.»
Rodungen unabdingbar?
Um die Menge zu reduzieren, liegt es auf der Hand, weniger zu produzieren. Das wird kaum ohne Rodungen über die Bühne gehen, was in der Westschweiz zunehmend salonfähig wird. Manager Fuchs meint: «Gerodete Weinberge tun sehr weh, aber eine Redimensionierung der Weinberge wird unvermeidlich sein.»
Olivier Mark von der Waadtländer Branche fühlt sich hier herausgefordert, schliesslich wurden bislang 10 % der Produktionsmenge des Kantons von Schenk verarbeitet. Aber er lässt auch durchblicken, dass das Wort Rodung nicht mehr zur Debatte steht, sondern schon geschluckt wurde. Damit deckt sich seine Meinung auch mit jener des Genfer Winzers Willy Cretegny (Einstiegsbild), dem durchaus streitbaren Co-Präsidenten der Schweizerischen Vereinigung der selbstkellernden Weinbauern (SVSW), der in einem Artikel in der «Tribune de Genève» vom 30. Januar 2026 sagt: «Das Roden ist kein Tabuthema mehr. Der Berufsstand akzeptiert es unter der Bedingung, dass er die Möglichkeit hat, wieder anzupflanzen, wenn sich der Markt erholt hat».
Wer bezahlt was?
Olivier Mark weiss, dass Rodungen unpopulär sind, deshalb sollen vor allem die Steillagen am Genfersee davon verschont werden. Damit aber weniger gute Lagen verschwinden, braucht es Anreize, wobei hier noch vieles unklar scheint: «Die Prämien für diesen freiwilligen Schritt müssen noch verhandelt werden», mahnt er und geht wie schon bei früheren Aktionen davon aus, dass die Gelder vom Staat kommen. Mit anderen Worten soll der Steuerzahler, wenn er schon den Wein nicht trinkt, wenigstens dessen Eliminierung berappen. Die Rede ist von zehntausend Franken pro gerodeter Hektare, die Kosten sollen je zur Hälfte vom Kanton und vom Bund übernommen werden. Aber Olivier Mark geht sogleich in den Angriff über: Alle Rodungsaktionen seien kontraproduktiv, wenn nicht gleichzeitig Importregulierungsmassnahmen erfolgen würden.
Sind Waadtländer Probleme Schweizer Probleme?
Damit schnürt Olivier Mark, der eigentlich kein Winzer, sondern ehemaliger Gärtner ist (s. Interview, S. 8), eine Schleife um ein Problem, das in der Genferseeregion wohl keinem mehr als solches auffällt. Man stilisiert die eigene Krise zu einer nationalen hoch. Und weil es ja alle betrifft, muss auch die Lösung eine nationale sein. Und sie lautet ganz einfach: Abschottung, Abbau des Freihandels, Zölle auf Importe. Wörtlich sagt er: «Vor einigen Jahren war es relativ einfach, Geld aus Bern zu bekommen, während die Einführung protektionistischer Massnahmen unerreichbar schien. Heute habe ich den Eindruck, dass sich die Situation umgedreht hat und protektionistische Massnahmen wieder möglich sind.»
Protektionismus
Damit liegt er ganz auf Linie mit dem oben zitierten Genfer Cretegny, der mit seinem Verband aber noch einen Schritt konkreter wird: «Die einzige Massnahme, die in Betracht gezogen werden kann und die keine Zustimmung seitens der Welthandelsorganisation benötigt, ist die Anwendung von Absatz 2b des Art. 22 des Landwirtschaftsgesetzes». Dieser Artikel besagt, dass der Bund dafür sorgt, dass die Landwirtschaft einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen leistet. Basierend auf diesem Wortlaut, so Cretegny, sei es dem Bundesrat erlaubt, die Zuteilung der Zollkontingente je nach Beitrag zur lokalen Produktion anzupassen. Nun hat BLW-Direktor Christian Hofer am 12. März 2026 einen Vorschlag in die Vernehmlassung geschickt, der diesem Ansinnen Rechnung tragen soll. Künftig sollen Importeure ausländischer Weine nur noch dann vergünstigte Zollkontingente erhalten, wenn sie auch Schweizer Trauben einkaufen und verarbeiten. Notabene: Trauben und nicht Wein. Mit anderen Worten wird von den Importeuren ein Engagement in der inländischen Weinproduktion verlangt, wenn sie verbilligte Zolltarife nutzen möchten. Und im Wissen, dass viele grosse Importeure nicht unbedingt Produzenten sind, gibt es noch ein Hintertürchen: Schweizer Winzerbetriebe erhalten Importzertifikate, die sie dann verkaufen können. Klar, dass dieser Vorschlag – und mehr ist es ja momentan noch nicht, da der Bundesrat erst im Herbst einen Entscheid fällen wird – sofort auf heftigen Widerstand seitens der Weinimporteure stösst. Die Vereinigung Schweizer Weinhandel (VSW) spricht von einem «weltfremden Vorschlag», andere Weinhändler nennen ihn «eine absolute Katastrophe». Man braucht jedenfalls kein Prophet zu sein, um zu erahnen, dass die Abwicklung dieses Konzeptes in der Praxis anspruchsvoll werden dürfte. Natürlich würde sich die Marktmacht zugunsten der Winzer verschieben, die Idee aber widerspricht dem Prinzip des freien Handels und garantiert keinesfalls, dass gebeutelte Weinregionen des Landes plötzlich mit einem Geldsegen rechnen können. Das werden auch die Experten des BLW durchschauen und so erscheint dieses Konzept eher als das Einlösen des Versprechens, das Bundesrat Guy Parmelin der Branche gab, als er letzten August die Akteure der Weinbranche zum Gespräch lud. Man wolle Lösungen suchen, hiess es damals. Aber im Wissen, dass die Schweiz derzeit an mehreren internationalen Abkommen arbeitet (mit den Mercosur-Staaten und der Europäischen Union), dürfte der Ehrgeiz für eine protektionistische Massnahme nicht eben gross sein. Und niemand möchte ein neues Bürokratiemonster.
Versuch eines Fazits
Was ist also unterm Strich von der eingangs zitierten Schwarzmalerei zu halten? Könnte es sein, dass Westschweizer Funktionäre zu vorschnell von sich auf das ganze Land schliessen? Gerade die Deutschschweizer Weinszene ist mittlerweile so erstarkt, dass sie ihren Heimmarkt gut bedienen kann. Innovative Betriebe haben durchaus Absatzchancen, auch wenn da die Geschäfte nicht einfacher geworden sind. Sehr zum Unverständnis vieler Welscher Winzer sind aber die Deutschschweizer Kunden nicht automatisch bereit, Westschweizer Wein zu bestellen, um einer patriotischen Pflicht nachzukommen. Entsprechend ernüchtert fordert Anne-Laure Décaillet, Walliser Winzerin und Co-Präsidentin der Fédération Valaisanne des Vignerons, in einem TV-Beitrag von Tele 9 (17.2.26) protektionistische Hilfe aus Bundesbern. Die Winzer hätten kein Geld mehr für Investitionen, klagt sie. Dabei stehen 170 Millionen Franken für Zusammenlegungen von Rebflächen zur Verfügung. Der Walliser Staatsrat Christophe Darbellay begründete das 2024 so: «Im Schnitt ist eine Parzelle 600 Quadratmeter gross, damit kann man nicht rentabel wirtschaften.» Das Ziel sei eine Mindestgrösse von 0.3 ha, in Ausnahmefällen dürfen es 0.1 ha sein. Somit ist das Feindbild klar umrissen: Es gibt schlicht zu viele Nebenerwerbs- und Hobbywinzer und die will man nun loswerden, auch wenn damit generationenübergreifende Familienstrukturen auseinanderbrechen. Somit ist der Abbau von 500 bis 1000 Hektar Rebland, den Décaillet erwartet, realistisch und wohl auch nötig. Das gefällt vielen Produzierenden natürlich nicht. Sie spüren eine Wut aufsteigen und identifizieren sich mit den «Vignerons en colère», den wütenden Winzern, die mit dem Traktor nach Bern oder in die Hauptstadt ihres Kantons fahren und hupen. So geschehen am 4. März dieses Jahres, als Cretegny mit seiner Gefolgschaft die Genfer Innenstadt medienwirksam mit einer Traktorparade blockierte. «Wir können nicht weiterhin Opfer bringen und unser Weinbauerbe auf ewig opfern», erklärt der Waadtländer Funktionär Mark diese Haltung. Das verfängt bei den Vignerons. Lieber sind sie heldenhafte Verteidiger ihrer Tradition als Opfer marktwirtschaftlicher Überlegungen.
«Nichts zu tun, ist der beste Weg, um einen Kampf zu verlieren»
Olivier Mark, Präsident der Branchenorganisation der Waadtländer Weine (CIVV), hat sich in einem französischen Branchenheft zur Situation des Weinbaus in der Schweiz geäussert (vitisphere.com, 19.2.2026). Sein Fazit lautet: «Wenn wir jetzt nicht reagieren, wird der Schweizer Weinbau sterben». Aufgrund dieser sehr düsteren Prophezeiung haben wir bei ihm nachgefragt.

O+W: Herr Mark, Sie senden eine Art Verzweiflungsruf, wonach der Schweizer Weinbau kurz vor dem Ableben stehe. Aus Deutschschweizer Optik überrascht diese Meinung. Wie begründen Sie Ihre Aussage?
Olivier Mark: Ich lese die nationalen Statistiken, und sie sind schlecht. Im vergangenen Jahr hat das Wallis stärker gelitten als das Waadtland. Auch in Genf läuft es schlecht. Ich habe wenig erfreuliche Informationen aus dem Tessin. Ich freue mich, dass die Lage in der Deutschschweiz besser ist. Vielleicht muss man das Produktionsniveau der Deutschschweiz berücksichtigen, um die Unterschiede zu verstehen. Die Deutschschweizer leisten übrigens hervorragende Arbeit, und ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Dynamik. Als St. Galler freut mich das!
Sie schlagen vor, dass Importeure ausländischer Weine gezwungen werden, auch Weine von Schweizer Produzierenden in ihr Sortiment aufnehmen. Verkommt da der Schweizer Wein nicht zum Alibi?
Keine Schutzmassnahme ist perfekt. Aber ohne eine Form der Regulierung kenne ich keinen Beruf in der Schweiz, der vom Land lebt und überleben kann. Diese Massnahmen müssen auch innerhalb eines angemessenen Zeitraums umsetzbar sein. Die Aufteilung der Kontingente auf Grundlage von Kriterien für die heimische Weinproduktion ist wohl einfacher als die Aufhebung internationaler Abkommen.
Sie fordern weniger Freihandel und mehr Protektionismus. Um dies zu legitimieren, beziehen Sie sich im zitierten Artikel sogar auf Donald Trump. Ist ein Land wie die Schweiz nicht gerade deshalb wohlhabend geworden, weil es immer den Freihandel unterstützt hat?
Ich bin kein Anhänger der Politik von Donald Trump, ich stelle lediglich fest, dass das Konzept der Zölle, das tot schien, kürzlich von den Vereinigten Staaten wiederbelebt wurde.
Coop und Denner haben einen beträchtlichen Marktanteil im Bereich der Schweizer Weine. Deshalb wird befürchtet, dass sie aufgrund ihrer Marktmacht die Preise drücken könnten, wenn sie noch mehr lokale Weine aufnehmen müssten. So könnte der Schuss nach hinten losgehen.
Nichts zu tun, ist der beste Weg, um einen Kampf zu verlieren. Jeder Kampf bringt Verluste mit sich. Man muss die Chancen und Risiken abwägen.
Eine weitere Folge sei die unausweichliche Rodung von Rebflächen im Kanton Waadt. Wo soll dies geschehen, und haben Sie Massnahmen zur Kontrolle vorgesehen?
Die Rodung erfolgt auf freiwilliger Basis. Die Branchenorganisation gibt keine quantitativen Vorgaben dazu. Es dürfte sich in erster Linie um Parzellen handeln, die schwer zu bewirtschaften sind oder qualitative Probleme aufweisen. Wir sprechen also zum jetzigen Zeitpunkt von einer Optimierung der Rebfläche. Verbraucher und Produzenten dürften nach dieser Massnahme zu den Gewinnern zählen.
Anfang dieses Jahres schockte die Grosskellerei Schenk S.A. mit einer Ankündigung, wonach sie deutlich weniger Trauben aufkaufen werde. Welche Folgen hat dieser Entscheid?
Von dieser Massnahme sind etwa 200 Winzer betroffen, davon ein Grossteil in unserem Kanton. Die Folgen sind je nach Umfang der Lieferungen unterschiedlich, zumal die Reduzierung nicht für alle Betroffenen gleich ist.
Kenner der Weinbranche sagen seit Jahren, dass in den Weinbaukantonen der Westschweiz ein Strukturwandel notwendig sei. Die Produktion müsste besser an den Markt angepasst werden (weniger Chasselas, mehr internationale Rebsorten und vor allem mehr pilzresistente Rebsorten): Könnte es sein, dass die Westschweizer Kantone ihre Hausaufgaben nicht machen?
Die Produktion in der Westschweiz hat sich so rasant weiterentwickelt, dass die Deutschschweiz mit den Entwicklungen nicht Schritt halten konnte. Daher schlagen wir eine breite Diversifizierung vor. Chasselas wird nun in verschiedenen Formen angeboten, darunter auch als Schaumwein. Wussten Sie das? Wann haben Sie das letzte Mal einen Waadtländer Wein vor Ort verkostet? Allerdings organisiert die Branchenorganisation Sensibilisierungsveranstaltungen zum Thema Diversifizierung, damit kleine Weingüter ohne Abstriche bei der Qualität durchstarten können. Unsere kleinen Erzeuger stehen vor personellen und wirtschaftlichen Herausforderungen.
Noch ein Satz im Artikel überrascht. Sie sagen: «Wir können nicht weiterhin Opfer bringen und unsere Winzer ewig opfern.» Was meinen Sie mit «ewig» und von welchen Opfern sprechen Sie konkret?
Ich spreche von Arbeit ohne Aussicht auf einen angemessenen Lebensunterhalt. Die Bauern erleben dasselbe Phänomen beispielsweise bei der Milch, insbesondere in der Deutschschweiz.
Eine letzte Frage zu Ihrer Person: Wie sind Sie zum Weinbau gekommen?
Ich bin als ehemaliger Gärtner mit Spezialisierung auf Schnittblumen zu dieser Funktion gekommen. Inzwischen habe ich einen Master in Strategischem Management erworben. Mein Beruf verschwand mit der Globalisierung der Märkte. Mein Rat an die Schweizer Winzer: zusammenhalten und nicht auf die Importeure setzen.