Eine Tagung, die auf eine fünfzigjährige Geschichte zurückblicken kann, gilt in unserer schnelllebigen Zeit schon fast als zeitlos. Das Weinbaukolloquium, das 1976 in Wädenswil aus der Taufe gehoben wurde und seither (mit Unterbrüchen) alle drei Jahre durchgeführt wird, darf sich zu diesem erlauchten Kreis zählen. Gegründet wurde der internationale Arbeitskreis, um sich für eine moderne Bodenbewirtschaftung im Weinbau einzusetzen und das Qualitätsmanagement voranzutreiben. Das Ziel war, die europäischen Weinbaufachleute, die gleichsam die Speerspitze der biologischen und nachhaltigen Bewirtschaftung bildeten, zusammenzubringen, um die anstehenden Probleme und Optionen zu diskutieren. Themen wie Rebbergsbegrünung, Drahtrahmenerziehung, moderne Schnittsysteme und das Wissen um die Nützlichkeit der Raubmilben fanden so den Weg zu den Praktikern. Dieses Credo gilt bis heute. Die Jubiläumstagung, die vom 5. bis 8. Mai in Wädenswil stattfand und aus einer Tagung sowie aus Exkursionen bestand, zog vornehmlich Wissenschaftlerinnen, Berater sowie Praktikerinnen aus allen deutschsprachigen Regionen an, wo Wein angebaut wird.
Thematische Breite
Basierend auf der langjährigen Tradition der Tagung überrascht es nicht, dass Bezüge in die Vergangenheit wie auch Lösungsansätze für drängende Fragestellungen der Zukunft im Fokus standen. Die Schere zwischen hochwissenschaftlichen Referaten und Praktikermeinungen öffnete sich weit. Lionel Christen (Agroscope) startete den Referateteil mit einer anspruchsvollen Erörterung von Stickstoffmanagement-Strategien im Weinberg und Piwi-Winzer Roland Lenz beendete den Tag mit seiner etwas esoterisch angehauchten Interpretation von enkeltauglichem Weinbau. Dazwischen gab es im enggetakteten Ablauf Platz für «klassisch» agrarische Themen (z. B. Unterstockbegrünung, Bodenbewirtschaftung und Laubmanagement), aber auch für «moderne» Ansätze wie KI-basierte Prognosemodelle (Vitiprotect) und drohnenbasierte Früherkennung von Rebkrankheiten (SmartGrape), ebenso kamen verfahrenstechnische und umweltbasierte Fragen vor.
Lösungsansätze
Spannend zu sehen war, wie sich die Fachleute aus den unterschiedlichen Weinbaugebieten (z. B. Steiermark, Südtirol, Pfalz, Baden-Württemberg, Tessin, Deutsch- und Westschweiz) ihren Aufgabenbereichen stellten und wo es im besten Fall schon Lösungsansätze für neue Probleme gibt. Hier bot besonders das Feld der invasiven Schädlinge Anschauungsunterricht: Der Japankäfer und die durch Zikaden übertragene Phytoplasma-Krankheit Flavescence dorée werden über kurz oder lang alle Weinbaugebiete auch nördlich der Alpen betreffen. Die Schilderungen der Vertreterin aus dem Tessin (Dominique Mazzi, Agroscope Cadenazzo) und aus dem Südtirol (Hansjörg Hafner, Südtiroler Beratungsring) zeigten auf, in welche Richtung die bereits betroffenen Gebiete forschen und handeln. Beiden war gemeinsam, dass ihr Optimismus, die Probleme in den Griff zu bekommen, eher bescheiden wirkte. Kommt hinzu, dass bereits weitere ungebetene Gäste vor der Tür stehen. Genannt wurden etwa die Schildlaus, die Spinnmilbe, die Gefleckte Rebenblattzikade und die Miniermotte. Auf Interesse stiess folglich die von Exponenten der Firma Andermatt Biocontrol gezeigten praktischen Hilfsmittel wie die Japankäferfalle.

Abb. 1: Die neue Japankäferfalle. (© O+W)
Ziel erreicht
Tagungsleiterin Kathleen Mackie-Haas (Agroscope) und ihr Team schafften das Zeitmanagement trotz der Fülle an kurz getakteten Vorträgen gut. Für die Zukunft wäre es vielleicht ratsam, der thematischen Kuratierung mehr Aufmerksamkeit zu schenken, um einzelne Schwerpunkte zu vertiefen und dem Verdacht der Beliebigkeit zu vorzubeugen. Aber wie Manfred Stoll, Geisenheimer Präsident des Arbeitskreises, in seiner Eröffnungsansprache skizzierte, ist der völkerverbindende Fokus und der unvoreingenommene Austausch zwischen Fachleuten das Primärziel. Und das wurde mit Sicherheit erreicht. Und Martin Wiederkehr, Präsident des Branchenverbands Deutschschweizer Wein, fasste die Ausgangslage treffend zusammen: «Wir haben so viel Wissen wie noch nie, aber wir haben auch so viele Fragen wie nie.» Es gibt also Grund genug, das Kolloquium auch die nächsten fünfzig Jahre durchzuführen.

Abb. 2: Manfred Stoll bei der Begrüssungsansprache. (© O+W)
Nachlese
Tagungen wie diese bieten eine Fülle an Informationen, die selbst für die Anwesenden leicht flüchtig sind. Aus diesem Grund werden wir in dieser und der nächsten O+W einige der Highlights als Nachlese aufbereiten. In der aktuellen Ausgabe (07/2026) finden Sie folgendes Referat:
Arno Schmid: Später Rebschnitt und dessen Einfluss auf die Phänologie und Weinqualität.
Exkursion an Tag 2
Den Bericht zum Exkursionstag des diesjährigen Weinbaukolloquiums lesen Sie hier.