Die «Möglichmacherin»
Ihr Lachen ist ansteckend und ihre Energie scheinbar grenzenlos. Nina Wägeli organisiert nicht nur den vom Vater übernommenen Hof in Buch bei Frauenfeld, sondern engagiert sich auch im kantonalen Branchenverband Thurgau Weine sowie im Deutschschweizer Branchenverband (BDW). Welche Ziele sie verfolgt und was ihre nächsten Pläne sind, verrät sie bei einem Besuch auf dem Rappenhof.

«Achtung, er kann beissen», warnt sie und meint den ungestümen Junghengst, der lustig nickend neben ihr steht. Das Fohlen, dessen Geschwister bereits einige Auszeichnungen gewonnen haben, hat noch ordentlich viel Unsinn im Kopf, deshalb übergibt sie es dem polnischen Pferdeflüsterer, der bei ihr arbeitet. Eine alltägliche Geschichte auf dem Rappenhof in Buch bei Frauenfeld, wo Nina Wägeli seit 2018 die Geschicke leitet. Die Pferdepension wurde schon von ihrem Vater Hans-Peter ins Leben gerufen und bildet ein Standbein des Betriebs. Das andere hat, wenn man so will, seine Wurzeln im fernen Aargau. So absolvierte der Vater vor rund fünfzig Jahren eine Winzer- und Kellermeisterlehre und arbeitete zehn Jahre im Kanton Aargau. Er wäre wohl auf seinem Beruf geblieben, hätte er nicht im Thurgau den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb übernommen. Damit er auch weiterhin mit Trauben zu tun haben konnte, pachtete er im Nachbardorf Hüttwilen Land. Dies nicht zur Freude aller. Wie Nina schmunzelnd anfügt, «war er als ‹fremder Fötzel› verschrien, dabei kam er vom drei Kilometer entfernten Buch. «Zum Glück war mein Grosi eine Hüttwilerin und so drückte man ein Auge zu.» Es mussten Ende der 1980er-Jahre noch eigenartige Zustände im agrarisch geprägten Thurgau geherrscht haben, fügt Nina nachdenklich an, und ist augenscheinlich froh, dass das Tempi passati sind.

Nina Wägeli auf ihrem Rebberg in Hüttwilen, den ihr Vater einst übernommen hatte. (© O+W)
Die Rebflächen blieben in der Familie und noch heute wachsen ihre Trauben an diesen nach Süden ausgerichteten Hängen. Aus den Trauben der drei Hektaren werden rund 30 000 Flaschen und die tragen alle einen Namen: Der Rosé heisst «Rosé d’Amour», der Schaumwein «Chic» und der aus der Müller-Thurgau-Traube vergorene «Hauswein» nennt sich «Hüttwiler Renaissance». Doch der Paradewein ist ein Pinot noir, mit dem schon der Vater überregionale Bekanntheit erlangt hatte. Er trägt den fast schon philosophischen Namen «Lebenstrunk». Dahinter verbirgt sich ebenfalls eine Geschichte: «Eigentlich hätte er Hüttwiler Stadtschryber heissen sollen», erzählt Nina, «da diese Parzelle einst dem Stadtschreiber von Frauenfeld gehört hatte und seit dem 19. Jahrhundert diesen Namen trug. Doch dagegen opponierten erneut die Hüttwiler. Deshalb nannte ihn mein Vater in der Folge Hüttwiler Lebenstrunk. Dagegen konnten sie nichts sagen», wieder lacht Nina ihr unverkennbares Lachen.
Ninas Werdegang
Wahrscheinlich wäre es zu diesen gar nicht so fernen Zeiten, schlicht undenkbar gewesen, dass eine ledige Frau, noch dazu als gelernte Lehrerin, plötzlich auf die Idee kommen könnte, einen Landwirtschaftsbetrieb zu leiten und diesen erfolgreich über die Runden zu bringen. Doch genau so kam es. Tatsächlich absolvierte die heute 45-Jährige nach fünfzehn Jahren Lehrerinnendasein die Bäuerinnenschule am Strickhof und arbeitete fortan auf dem Betrieb. Sukzessive brachte sie sich alle Skills bei, die sie noch benötigte und absolvierte 2021/22 die Betriebsleiterschule. Von den Eltern mit der Devise aufgezogen, wonach man der Gesellschaft etwas zurückgeben müsse, begann sie sich dann auch für den Branchenverband Thurgauer Wein (BTW) zu engagieren. Und weil sich ihr Vorgänger, Ständerat Jakob Stark, nur für eine Amtsdauer hatte einspannen lassen, rückte sie plötzlich nach. «Ich bin ein Alphatier», sagt die Älteste von drei Geschwistern, «daher war es mir im BTW ein Anliegen, als Macherin in Erscheinung zu treten.» Tatsächlich gibt es einige Projekte, die sie ankurbeln und wiederbeleben will. Auch gibt es verhärtete Fronten mit ehemaligen Mitglieder-Betrieben, die aufgeweicht werden sollten. Nicht ganz zufällig verlaufen diese entlang der Grenze zwischen ÖLN- und Biobetrieben. «Wir sind noch nicht am Ziel, aber man redet wieder miteinander», meint sie. Damit man so weit kommt, ist sicher psychologisches Geschick, aber auch weibliche Intuition gefragt.
Erfolgsstory mit Widerhaken
Mit Freude blickt sie auf die Staatsweinverleihung. Mindestens grundsätzlich, denn sie weiss: «Die ausgezeichneten Betriebe spüren das sofort bei der Bekanntheit.» Dennoch gab es für die diesjährige Ausscheidung einmal mehr «Unstimmigkeiten» im Thurgau. In einem politischen Vorstoss kritisierten Vertreter der Grünliberalen Partei, dass nur BTW-Mitglieder zur Kürung zugelassen seien. Ausserdem monierten sie, dass die ökologische Nachhaltigkeit zu wenig gewürdigt werde. Folglich musste die Regierung klarstellen, dass hinter dem Projekt der BTW stehe, dieses auch mitfinanziere und es als Marketingmassnahme einsetze. Dennoch schliesst die regierungsrätliche Antwort mit den Worten: «Es wäre zu diskutieren, ob der Wettbewerb gegen einen Unkostenbeitrag geöffnet wird.» Und lapidar fügt die Regierung an: «Es steht jedem im Kanton Thurgau ansässigen Betrieb offen, dem Branchenverband beizutreten.» Dass diese Antwort die Wogen nicht glätten konnte, erstaunt weniger, denn genau hier steckt ja der Kern des Problems: Einige Betriebe sehen sich vom BTW nicht hinreichend vertreten und haben sich teilweise abgewandt. Nina Wägeli ist jedoch guten Mutes, dass eine Lösung gefunden werden kann.
«Das Ziel soll natürlich sein, dass wir alle Thurgauer Winzerinnen und Winzer für den Verband begeistern können. Die unentgeltliche Teilnahme bei der Staatsweinkürung ist ein gutes Argument unter vielen anderen.»
Ein anderes diskutiertes Thema bei den Teilnahmebedingungen ist die Klassifikation als AOC-Wein. «Im Thurgauer Staatswein sollen auch Thurgauer Trauben drin sein», argumentiert Nina, deshalb wird an diesem Kriterium nicht gerüttelt.
Der BDW als Türöffner
Gleichsam eine Nummer grösser ist die Sache mit der Swiss Wine Promotion (SWP). «Es ärgert mich», sagt sie unumwunden, «wenn wir viele gute Projekte im Thurgau haben, aber die Gelder bei der SWP nicht abholen, nur weil der Aufwand zu gross ist.» Seit sie sich aber auch im Branchenverband Deutschschweizer Wein (BDW) als Vorständin engagiert, ist sie an der Quelle von Informationen. Als Folge weiss sie nun auch, an welche Stellen sie sich wenden muss, damit auch ihr Kanton von den Unterstützungsleistungen profitieren kann. Überhaupt macht es ihr augenscheinlich Spass, sich überregional zu vernetzen und zu engagieren. Das zeigte sich auch beim Müller-Thurgau-Jubiläum, das letztes Jahr zu Ehren des in Tägerwilen (TG) geborenen Pflanzenforschers an verschiedenen Orten gefeiert wurde. Eigentlich war sie anfänglich nur am Rande beteiligt gewesen, doch schlussendlich agierte sie als Vorständin im Organisationskomitee und brachte damit auch die Position von Müllers Heimatkanton mit ein. Das Jubiläum war auch ein Schlüssel zur nächsten Vernetzung, so trat sie unlängst beim Herausgeberverein dieser Zeitschrift in den Vorstand ein, um auch da die Ostschweizer Position zu stärken.

Das Seebach-Tal ist geprägt von seinen Seen. Die durch Trockenlegung fast zerstörten Uferbereiche konnten sich weitgehend erholen. (© O+W)
Ein anderes Herzensprojekt von Nina ist im Moment die Vinothek «Gnussriich», welche der Direktvermarkterverband GenussThur, Thur-Seebachtal, letzten November eröffnet hat. Im Frühling wurde Nina in den Vereinsvorstand gewählt und hilft nun mit, den kleinen Laden in der umgenutzten Stadtkaserne in Frauenfeld zum Laufen zu bringen. «Es braucht Zeit, Geduld und viel Engagement von allen Vereinsmitgliedern.» Dennoch ist Nina zuversichtlich, dass die Thurgauer Weine endlich auch in der Kantonshauptstadt die ihnen gebührende Präsenz erhalten.
Herz für Tiere
Doch zurück auf ihren Betrieb, der im sanft hügeligen Gebiet des Seebachtals zwischen Frauenfeld und Stein am Rhein beheimatet ist. Nebst den erwähnten Standbeinen hat Nina ein grosses Herz für alle Tiere, deswegen wurde eben das neue Meerschweinchengehege eingeweiht. Auch bei den Alpakas gibt es regelmässig Nachwuchs. Hofhund Kili mag es, den Pöstler und andere unvorsichtige Gäste anzubellen und die Katzen haben sowieso ein Flohnerleben. Aber nur idyllisch ist es auch auf dem Rappenhof nicht. Abgesehen von der täglichen Arbeit muss Nina für den Fortbestand des Betriebes sorgen. Die Pferdezucht mag auf den ersten Blick lukrativ erscheinen, aber es ist in erster Linie Hobby und Leidenschaft. Auch wenn das nötige Zuchtglück und Know-how vorhanden sind, ist das Unterfangen oft nicht kostendeckend. Und Nina träumt von einem neuen Stall, der moderner und zeitgemässer daherkommt, was einiges an Aufwand bedeutet. In Sachen Weinbau möchte sie auch nicht stehenbleiben, auch wenn die Option, selbst zu keltern, nicht in Frage kommt. Aber wer weiss, vielleicht bringt das Engagement beim BTW und BDW auch da eine ungeahnte Lösung. Bis alles so weit ist, wird es aber zuerst mal ein Fest auf dem Rappenhof geben. Im August heiratet Nina ihren Freund Stefan Keel, der einen Holzhackservice führt. Weil Vater Hans-Peter derzeit ausser Gefecht gesetzt ist, verbringt nun Stefan viel Zeit auf dem Traktor im Rebberg. «Er macht es schon richtig gut», meint Nina mit einem Schmunzeln und eilt zum Haus zurück, um für alle das Mittagessen zu kochen. Auch das gehört zu ihrem Alltag. Und wenn sie mal ein bisschen Zeit vorrätig hat, nimmt sie ihr Es-Horn und übt für den Musikverein. Sie mag es, hier für einmal nicht die erste Geige spielen zu müssen, sondern – fast etwas ungewohnt für den Thurgau – im Kollektiv harmonieren zu können.