© Hans-Peter Siffert/weinweltfoto.ch

«Im Dschungelmodus»: Besuch bei Myra und Christian Zündel

Es ist grundsätzlich nicht einfach, das Lebenswerk der Eltern zu übernehmen. Erst recht schwierig wird es, wenn der Vater eine Koryphäe auf seinem Gebiet ist. Die temperamentvolle Myra Zündel trat im letzten Jahr in die Fussstapfen ihres Vaters Christian, einer der Deutschschweizer Merlot-Pioniere im Tessin.

Artikel von:
Markus Matzner
O+W
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 13 / 2023 , S. 22

Wir sitzen in einem kleinen Café im Weiler Beride mitten im Tessiner Malcantone, nur wenige Kilometer von Ponte Tresa entfernt. Mit seinen bunten Stühlen und der fast urbanen Stilistik wirkt es seltsam fremd hier. Man hätte eher ein Grotto erwartet. Anscheinend aber entspricht es einem Bedürfnis, denn die Eingangstüre öffnet sich allenthalben und die Kaffeemaschine läuft munter. Myra hat sich so gesetzt, dass sie uns wie auch ihren Vater Christian im Blick hat, der seinen Znünikaffee an einem Nebentisch einnimmt und mit der Gerantin plaudert. Die bald dreissigjährige Myra Zündel hatte letztes Jahr den Betrieb ihres Vaters übernommen (Einstiegsbild). Ihrem Charakter gemäss hat sie gleich mal das eine oder andere in den Abläufen des Betriebs geändert. Sie sei etwas ungeduldig, gesteht sie ungefragt und man sieht es ihr an. In ihrem Kopf schwirrt ein Problem herum, weshalb sie im Moment wohl lieber im Keller wäre als bei einem Interview. Wie wir erst später erfahren, gibt es bei der Abfüllung des Rosés Probleme. Da er in dunkelgrüne Flaschen abgefüllt werden sollte, sah man den Füllstand trotz eines kräftigen Rücklichts nur schlecht. Die Mitarbeiterin bekundete jedenfalls Mühe, die Endkontrolle durchzuführen. Gleichwohl bleibt Myra hier und steht uns Red und Antwort. Wohl auch, weil sie weiss, dass man als Chefin Multitasking-fähig sein muss, was Frauen bekanntlich besser beherrschen als Männer.

 

«Bei mir wird‘s manchmal laut.
Dafür ist es dann draussen.
Da ist mein Vater schon das pure Gegenteil.»

 

Routiniert und ehrlich erzählt sie uns, wie es zum Entschluss kam, das Weingut des Vaters zu übernehmen. «Ohne meinen älteren Bruder Manuel, der zwar nur zu 20 % hier arbeitet und für das Marketing und die Buchhaltung zuständig ist, hätte ich es nie gemacht. Er vermittelt manchmal auch zwischen mir und Vater.» Sie lächelt und blickt hinüber zum anderen Tisch. Der Senior tut so, als hätte er nichts gehört, verabschiedet sich höflich und verlässt das Café. «Ich bin halt ein emotionaler Typ», erklärt die junge Winzerin und ihre Arme kreisen: «Bei mir wird’s auch mal laut. Dafür ist’s dann draussen. Da ist mein Vater das pure Gegenteil», und lächelnd fügt sie an: «Aber er lässt mich machen. Ich bin zuständig für Keller, Büro und den Verkauf. Vater macht die Reben.»

«Laissez-faire»

Es dürfte eine der Grundtugenden des Hauses Zündel sein, alles mal sich selbst entwickeln zu lassen. Dies gilt für die Rebberge wie auch für die Weine. «Ja, wir lassen die Reben wuchern, können mit Unordnung umgehen. Bei den Weinen machen wir nur, was wirklich nötig ist.» Fast logisch mutet an, dass Myra eine Anhängerin der Spontanvergärung ist. «Wir streben echte und authentische Weine an.» Natürlich bedeutet dieses «Laissez-faire» nicht automatisch, dass es nichts zu tun gäbe. Gerade wenn das Wetter mal wieder Kapriolen schlägt und die ganze Gegend aufgrund des reichlichen Niederschlags im Dschungelmodus steckt, kommt man kaum hinterher. Als gelernte Winzerin kennt sie die alte Mehltau-Weisheit: «Wenn man ihn sieht, ist es schon zu spät.» Das sei ärgerlich und nerve, vor allem, wenn man schon zehn Mal gespritzt hat. Ein weiteres Problem ist der Hagel. Die meisten Rebberge verfügen über Netze, aber der Chardonnay sei teilweise im Lyra-System erzogen (Y-förmiges Doppelspaliersystem, das zwar mehr Blattoberfläche bietet, aber dafür schwieriger zu bearbeiten ist, Anm. Red.), da könne man keine Netze befestigen. «Das System ist gut, aber wir hatten schon zwei Totalausfälle.» Sie sagt es gelassen, weil es sich einerseits nicht so schnell ändern lässt und andererseits, weil das Ausprobieren und Tüfteln eine Spezialität des Vaters war und ist. Seit 2002 ist der Betrieb Demeter-zertifiziert und da muss man sich hierzulande etwas einfallen lassen, um bestehen zu können.

Ausbau und Entwicklung

Der Betrieb umfasst derzeit 4.2 Hektar, produziert aber nur 13 000 bis 15 000 Flaschen jährlich. Damit ist klar, dass der Ertrag, der auf den eher sauren Böden gewonnen wird, sehr klein ist. «Aufgrund ihres pH-Wertes benötigen die Weine weniger Schwefel; bei 30 mg freier SO2 sind sie stabil.» Nach wie vor läuft der Verkauf vor allem direkt an Private und über ausgewählte Händler (z.B. Brancaia in Zürich), natürlich gelangt auch ein Teil in die Spitzengastronomie. Das Flaggschiff ist zwar der Orizzonte, eine Cuvée aus Merlot und Cabernet Sauvignon, aber Myra hat weitere Pläne: «Gerne möchte ich eine zusätzliche Hektar pflanzen», sagt die zielstrebige Chefin. «Gerade die aus dem Piemont stammende, autochthone Sorte Erbaluce gefällt mir gut. Sie ergibt einen frischen Weisswein. Aber mein Favorit ist der Rosé. Und da muss ich nun zum Rechten schauen.» Mit umsichtigen Charme fordert sie uns gleichsam auf, den Kaffee auszutrinken und ihr in den Keller zu folgen. Der befindet sich ein paar Meter die Strasse hinab. Wie man aufgrund kreischender Motorsägen unschwer hört, arbeitet sich eine Holzfällerbrigade durchs Wäldchen zwischen Keller und Kantonsstrasse. Auch Vater Christian steht dort und beobachtet das Tun mit einigermassen misstrauischem Blick. «Anscheinend besteht die Gefahr, dass Bäume auf die Strasse fallen», sagt er. «Solange sie nicht auf den Keller fallen», antwortet die Tochter lakonisch und betritt selbigen durch den Haupteingang. Geradeaus geht es in den aus Backsteinen gemauerten Gewölbekeller mit den Barriquefässern. Ein raffiniert aufgehängter Spiegel suggeriert die doppelte Grösse (Abb. 1).

 

Abb. 1: Der Barriquekeller wirkt dank Spiegel doppelt so gross. (© O+W)

 

Myra zieht es freilich Richtung Abfüllanlage. Dort wird sie von der händeringenden Mitarbeiterin empfangen. Ein kurzes Gespräch bringt Klarheit und Myra schaut zuerst bei der Pumpe zum Rechten, versetzt dann die Lampe, damit das Licht besser von hinten durch die Flaschen leuchtet (Abb. 2). Nun kann endlich abgefüllt und verkorkt werden. Das Palett mit den Flaschen soll möglichst schnell verschwinden. Myra ist sichtlich froh, dass uns ihr Vater unter die Fittiche nimmt.

 

Abb. 2: Die halbautomatische Abfüllmaschine benötigt viel Handarbeit. (© O+W)

 

 

Des Vaters Schatten

Im Wohnhaus, das sich neben dem Keller befindet, setzen wir uns an den Küchentisch, um das Gespräch fortzusetzen. «Nie hätte ich gedacht, dass die Kinder einsteigen», meinte der Senior, «denn Myra arbeitete nach der Winzerlehre auf Sizilien.» Für die junge Generation sei es nicht einfach, Bestehendes zu übernehmen, denn «die Pioniersituation gibt es nur einmal». In seinem Gesicht spiegelt sich Genugtuung, dennoch weiss er, was dieses Commitment bedeutet. «Es ist auch eine Bürde», fügt er an.

Ganzheitlichkeit

Wie denn seine Anfänge gewesen seien, wollen wir wissen und er taucht in Erinnerungen ab. Seine kräftigen Hände, die von einem arbeitsreichen Leben erzählen, bewegen sich fliessend. «Eigentlich habe ich Bodenkunde studiert. Mich hat Geobotanik, also die Verbindung zwischen Botanik und Geographie, interessiert, deshalb fand ich die Rebe spannend, da sie ursprünglich eine Kletterpflanze, eine Liane, ist. Als ich 1980 ins Tessin kam, hat mich der Merlot zuerst weniger interessiert. Ich war Fan von Nebbiolo und Pinot noir.» Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, fast so, als müsse er sich bei besagter Rebsorte entschuldigen, weil er sie nicht sogleich zu würdigen wusste. Aber dank seines botanischen Verständnisses näherte er sich dieser Sorte gleichsam an, verstand das Zusammenspiel zwischen Laubwandhöhe und Zuckergehalt, stellte sie auf einen resultierenden Alkoholgehalt von 12.5–13 Vol.-% ein. Die Kellerarbeit verläuft schonend, das Mittel zum Zweck ist die Ganztraubenkelterung. Aufgrund eines Brettanomyces-Befall vor einigen Jahren wird nun filtriert, was möglicherweise auch ein Entscheid seiner Tochter war. Aber man sieht es ihm an, so richtig gefallen will ihm das nicht. Er möchte den Weinen und den Reben ihre Freiheit gewähren. Ihn freut, dass der Merlot recht resistent gegen die Goldgelbe Vergilbung (GGV) ist, die im Tessin um sich greift. Folglich beklagt er die übertriebene Domestizierung vieler anderer Rebsorten wie Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Syrah, Pinot noir. Auch die Piwi-Sorten Gamaret und Divico hätten bei der Klimaerwärmung zu kämpfen. Gegen die GGV seien auch sie recht machtlos. «Würde man sich an die Herkunft der Rebe erinnern», doziert er, «dann läge es auf der Hand, sie wieder vermehrt als Waldpflanze zu betrachten. «Diese Vitiforst-Projekte sind die Zukunft», ist er überzeugt, «die Klimaerwärmung mahnt doch gerade, das Rad zurückzudrehen.» Fast im gleichen Atemzug schlägt er die Brücke zum Minimalen Rebschnitt. Auch das sei für die Reben viel besser, es gebe kaum Stockausschläge und weniger Geiztriebe. Denn «Schneiden ist verletzen, und jede Verletzung führt zu Oxidation und Energieverlust.» Er ist überzeugt, «dass die meisten Probleme an der Rebe durch den Menschen verursacht sind». Man begreift als Zuhörer schnell, dieser Mann ist ein Forscher und Denker, ein Wein-Philosoph und es wundert nicht, dass auch die Lehren des Rudolf Steiner auf Sympathie stossen. «Das Ziel unserer Arbeit müsste sein, mehr für die Reben zu machen und weniger Technik einzusetzen.»

Gut möglich, dass rund um diese Ansichten schon die eine oder andere Grundsatzdiskussion mit den Kindern geführt wurde. Die temperamentvolle Myra, die u.a. ihren Rucksack bei Mike Rudolph im benachbarten Agno (O+W 10/23, S. 21) und beim biodynamisch arbeitenden Jean-Denis Perrochet in Auvernier (NE) gefüllt hat, dürfte im Grossen und Ganzen die Meinung des Vaters teilen, aber nicht selten scheiden sich die Geister ja bei den Details. Gleichsam selbstkritisch reflektiert der Senior deshalb: «Es braucht die Jungen, denn die Alten fallen früher oder später aus der Zeit.»

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