Tagfalter. © Felix Neff

Insektenvielfalt der Schweiz im Wandel: Erkenntnisse aus neun Jahrzehnten

Ein Schweizer Forschungsteam rekonstruierte erstmals die Entwicklung der Insektenvielfalt in 
der Schweiz über fast ein Jahrhundert. Es zeigt sich, dass die untersuchten Tagfalter- und Totholzkäferarten vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts stark zurückgingen.

Artikel von:
Beate Kittl
WSL
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 08 / 2026 , S. 6

Schweizer Forschende können dank eines historischen Datenarchivs erstmals Aussagen dazu machen, wie sich die Vielfalt zweier Insektengruppen in den vergangenen 90 Jahren verändert hat. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts stellte die von Agroscope geleitete Studie mit Beteiligung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bei Tagfalter- und Totholzkäferarten, die überwiegend in Landwirtschafts- und Waldlebensräumen vorkommen, einen grossen Rückgang fest. Sie zeigt aber auch, dass danach mancherorts die Artenzahl wieder angestiegen ist.

 


Der Totholzkäfer Aromia moschatawurde wurde Mitte des 20. Jahrhunderts selten, legte aber in den letzten Jahrzehnten deutlich zu. (© Felix Neff)

 

Die Auswertung, die nun im Fachjournal «Nature Ecology and Evolution» veröffentlicht wurde, ist Teil einer umfassenden Untersuchung zur Veränderung der Vielfalt und Häufigkeit von Insekten in der Schweiz (INSECT). Sie basiert auf Fundmeldungen von 811 Tagfalter- und Totholzkäferarten zwischen 1930 und 2021 aus den Archiven des nationalen Daten- und Informationszentrums «info fauna». Ein Teil der Daten stammt von Insektenkundlern, ein anderer von Forschungsprojekten und Monitorings. «Schon immer faszinierten grosse Insekten wie Tagfalter und Käfer die Menschen. Entsprechend zahlreich sind die historischen Sammlungsstücke und ebenso die Meldungen in modernen Beobachtungs-Apps», sagt Felix Neff von Agroscope, der Erstautor der Studie. Für Totholzkäfer zeigen die Resultate, dass die Artenzahl im Schnitt bis 1960 zurückging, sich dann stabilisierte und danach wieder auf das Niveau von 1930 anstieg, insbesondere seit den 2000er-Jahren. Tagfalter hingegen nahmen noch bis in die 1980er-Jahre ab. Sie konnten sich seither nicht erholen, so dass die Tagfalter heute mit durchschnittlich 12 Prozent weniger Arten deutlich unter dem Niveau von 1930 liegen. Dies ist besonders im Mittelland (–29 %) und in den nördlichen Voralpen (–13 %) ausgeprägt, wo die landwirtschaftliche Nutzung und Besiedlung am intensivsten sind (Abb. 1).

 

 

 

Agrarland und Wälder intensiv bewirtschaftet

Die stärksten Rückgänge, vor allem der Tagfalterarten, fielen in die Phase der Mechanisierung und Intensivierung der Landwirtschaft (1950–1980), begleitet von struktureller Vereinheitlichung der Landschaft und verstärktem Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln. «Die meisten Tagfalter sind auf besonnte und nahrungsreiche Offenlandflächen angewiesen und viele Totholzkäfer auf Alt- und Totholzbestände. Deshalb sind diese zwei Gruppen repräsentativ für den Zustand dieser Lebensräume, von denen sehr viele andere Arten abhängig sind», sagt Kurt Bollmann vom WSL, der das Forschungsprogramm INSECT mitinitiiert hat. So erstaunt es wenig, dass vor allem Arten, die auf bestimmte Lebensräume und Nahrungsquellen angewiesen sind, in den letzten 90 Jahren die grössten Verluste verzeichneten (bis –41 % bei Tagfaltern). Ein Beispiel dafür ist der Dukatenfalter. Die Verbreitungskarte (Abb. 2) zeigt, dass aktuelle Nachweise nach 2000 vor allem noch in höheren Lagen und ausserhalb der intensiv genutzten Mittellandgebiete liegen, während ältere Fundmeldungen auf ein ehemals breiteres Vorkommen hinweisen.

 


Abb. 2: Verbreitung des Tagfalters (Dukatenfalter). Rot: nach 2000, orange: vor 2000. (Grafik: info fauna)

 

Die Intensivierung und Mechanisierung wirkte sich auch auf die Wälder aus: Nach dem grossen Holzhunger des 19. Jahrhunderts lag der Fokus in der Waldwirtschaft auf der Steigerung der Holzerträge und der Mechanisierung. Dabei wurden alte Bestände geerntet und Totholz entfernt. Dadurch verloren viele Käferarten die Lebensgrundlage. So gingen grössere Totholzkäferarten wie der Eremit stärker zurück als kleinere, weil grosse Totholzstämme auch heute noch Mangelware sind.

Einen gegensätzlichen Effekt hatte der Klimawandel: Die steigenden Temperaturen begünstigen viele wärmeliebende Arten, die sich seit den 1980er-Jahren deutlich ausbreiten konnten. Dazu zählen viele Totholzkäferarten wie etwa Hirschkäfer, die in der Mehrheit von den wärmeren Temperaturen profitierten. Totholzkäfer profitierten zudem von heftigen Stürmen, die grosse Mengen Totholz schufen (z. B. Vivian 1990, Lothar 1999).

Positive Entwicklungen nur bei einigen Arten

Die Trendumkehr bei zahlreichen Arten und Artengruppen dürfte auch auf die zunehmenden Umweltschutzbemühungen seit den 1990er-Jahren zurückgehen: Wälder werden biodiversitätsfreundlicher bewirtschaftet und Alt- und Totholzinseln geschaffen, diverse Agrarumweltprogramme sowie Biodiversitätsförderflächen wurden eingerichtet. «Die teilweise Erholung der Artenzahlen weist darauf hin, dass die Naturschutzmassnahmen vor allem im Wald wirken, und der Klimawandel manche Arten positiv beeinflusst», sagt Bollmann. «Für zahlreiche spezialisierte Arten, wie viele Tagfalterarten, braucht es aber noch intensivere Anstrengungen.» Denn Insekten, darunter viele, die nicht Teil dieser Studie waren, spielen in Ökosystemen eine entscheidende Rolle, etwa als Bestäuber und Nahrungsgrundlage.

Damit rückt auch der Obst- und Weinbau in den Fokus. Rebberge und Obstanlagen sind nicht nur Produktionsflächen, sondern können mit artenreichen Begrünungen, Randstrukturen, Einzelbäumen, Stein- oder Totholzelementen wichtige Lebensräume und Vernetzungselemente in der Agrarlandschaft bieten. Welche Chancen, aber auch welche Hürden Betriebe bei der Umsetzung solcher Biodiversitätsmassnahmen sehen, beleuchtet der Beitrag «Weinbau zwischen Biodiversität und Klimawandel» auf Seite 12.

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