Birnensaftdegustation im Kellergewölbe des Stifts Seitenstetten. (© M. Kellerhals)

Internationales Pomologentreffen im österreichischen Mostviertel

Rund 100 Teilnehmende aus Deutschland, Südtirol, Österreich und der Schweiz nahmen Mitte September am dreitägigen Pomologen-Treffen mit Fachvorträgen, Degustationen und Besichtigungen in Amstetten (A) im sogenannten Mostviertel teil.

Artikel von:
Michael Lüscher und Markus Kellerhals
Fructus
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 14 / 2026 , S. 24

Das internationale Pomologentreffen (IPT) ist ein jährlich an einem anderen Ort stattfindender Anlass für Interessierte im Bereich Obstsortenvielfalt und Hochstamm im deutschsprachigen Raum. Dieses Jahr fand das Treffen im österreichischen Mostviertel westlich von Wien statt. Dabei wurden das regionale Engagement für das Streuobst ebenso wie aktuelle Themen zur Boden-, Sorten-, Unterlagen- und Wurzelforschung bei Obsthochstämmen vorgestellt und diskutiert. Bei vielen Teilnehmenden aus den vertretenen Ländern waren die Trockenheit und die anhaltend hohen Temperaturen ein zentrales Thema.

 

Gelebte Geschichte

Der Obstanbau und die Mostkultur blickt in diesem Teil Österreichs mit gut 5000 km² Fläche auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück, die stark von kaiserlichen Verordnungen geprägt wurde. Bis heute prägen Hunderttausende alte, hochstämmige Streuobstbäume – insbesondere wertvolle Mostbirnenbäume – die Kulturlandschaft.

Mit der kaiserlichen Förderung im 18. Jahrhundert ordnete Maria Theresia die flächendeckende Anpflanzung von Obstbäumen an, um die Nahrungsversorgung und Landwirtschaft zu stärken. Kaiser Joseph II. ging noch weiter und belohnte Bauern mit einer silbernen Medaille für über 100 gesetzte Bäume. 1789 erliess er ein Dekret, das heiratende Paare verpflichtete, Obstbäume zu pflanzen. In jener Zeit entstanden auch die sogenannten Vierkanter, grosse und auffällige landwirtschaftliche Höfe mit quadratischer Gebäudeanordnung und grossem Innenhof.

 

Boom und Niedergang

Ende des 19. Jahrhundert konnte dank des Ausbaus von Strassen und Eisenbahnen der Most leicht in ferne Regionen transportiert werden. Die Mostkeller wurden zur Goldmine. Nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation schlagartig: Der Most kam völlig aus der Mode und verlor an gesellschaftlichem Ansehen.

Die Region feiert und fördert die Tradition heute mit Initiativen wie der «Moststrasse», um den Schutz alter Baumriesen und die Pflege des regionalen Kulturguts durch die lokalen Produzenten sicherzustellen. «Mostbarone» werden seit einigen Jahren anerkannte ausgewählte Produzenten, Gastwirte, Hoteliers und Edelbrenner genannt. Bekannte und gewerblich verarbeitete Sorten sind Speckbirne, Gelbmöstler und die Dorschbirnen. In den vergangenen Jahren wurden durch engagierte Pomologinnen und Pomologen Sorten bestimmt und der Baumbestand erfasst.

 

Moderne Pomologie

In der Pomologie wird heute nicht nur die visuelle und organoleptische Sortenkenntnis von erfahrenen Pomologinnen und Pomologen genutzt, sondern auch die molekulare Analyse. Die Schweiz hat damals Pionierarbeit geleistet und mit der Anwendung von SSR-Markern die gesamten Genressourcen der Schweiz analysiert. Die verwendeten Markersets sind zumindest teilweise international koordiniert worden, sodass sich europaweite Vergleiche anstellen lassen. Mit anderen Worten kann man herausfinden, ob die Sorte X in der Schweiz das Gleiche ist wie die Sorte mit dem Namen Y in Österreich. Am Treffen in Amstetten wurde aber, wie bereits bei der Europom 2025 in Basel, der Wunsch nach einer verstärkten europaweiten Koordination geäussert, zum Beispiel mit einer europäischen pomologischen Kommission.

 

Erfolgsmodell Mostviertel

Wie schafft eine Region das, wovon viele andere Regionen und Länder, darunter auch die Schweiz, oft nur träumen? Wie lässt sich das Kulturgut Most im Sinne von Birnen- und Apfelwein und den damit verbundenen traditionellen Obstanbau auf Hochstämmen erfolgreich und modern präsentieren und in der Bevölkerung verankern? Beachtenswert: Die Birne steht im Mostviertel absolut im Zentrum, hierzulande ist sie zu einem eher lästigen Nebenprodukt geworden.

Verschiedene Exponenten haben dazu an der Tagung Einblicke gegeben. Offensichtlich braucht es starke Trägerorganisationen, welche die Idee fördern. So wie die Organisation «Region Mostviertel». Das Mostviertel ist eine sogenannte LEADER-Region (Liaison Entre Actions de Développement de l’Economie Rurale), welche von der EU gefördert wird. Es geht also um Entwicklungsmassnahmen für die ländliche Wirtschaft. Die Region Mostviertel umfasst rund 100 Mitgliederbetriebe. Die Akteure müssen unter dem gemeinsamen Dach gut vernetzt sein. Kürzlich wurde eine interaktive Birnenerlebniswelt in einem Tierpark eröffnet. Es gibt auch Erlebnistouren in den Streuobstwiesen. Tourismus, Produktion, Verarbeitung und Gastronomie arbeiten eng zusammen. Beim Nachtessen in einem Heurigen war das konkret zu erleben und dort gab es nicht Wein oder Bier, sondern natürlich Most aus Birnen in allen Facetten.

 


Reichhaltige Präsentation der Birnenvielfalt. (© M. Kellerhals)

 

Buchvernissage

Martina Schmidthaler und Gerlinde Handlechner präsentierten am IPT ihr neues Buch «Birnen und Äpfel – Vielfalt der Streuobstwiesen». Bei den Sortenporträts werden 336 von den beiden Autorinnen im Mostviertel gefundenen Sortenherkünfte porträtiert. Einzigartig sind die Untersuchungen zum Mikrobiom als unsichtbare Vielfalt hinter Sorte, Geschmack und Gesundheit.

Das nächste Internationale Pomologentreffen (IPT 2027) findet am 30. und 31. Oktober 2027 in der historischen Klosteranlage im bayerischen Zangberg statt.

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