Mathias Brunner bot der Gruppe spannende Einblicke in seine Arbeitsweise. (© O+W)

Weinbaukolloquium: Exkursionstag

Der zweite Tag des Weinbaukolloquiums führte in die Zentralschweiz. Die Exkursion bot fachliche Einblicke, einen Abstecher in die Erdgeschichte und viel Stoff für Gespräche über den Weinbau.

Artikel von:
Jacqueline Achermann
O+W
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 07 / 2026 , S. 10

«Luzern ist der einzige Weinbaukanton der Schweiz, der noch wächst», sprach Nicole Theiler ins Mikrofon. Damit war der Ton für den Tag gesetzt. Die Fachfrau für Weinbau in der Zentralschweiz machte gleich zu Beginn deutlich: Luzern ist weinbaulich ein Sonderfall. Während andernorts über das grosse Branchen-Seufzen gesprochen wird, klang es hier eher nach Aufbruch als nach Abgesang. Das hat viel mit einem guten regionalen Markt zu tun, aber auch mit der touristischen Kraft der Zentralschweiz. «Der Oenotourismus steht bei uns zwar noch am Anfang, hat aber sehr viel Potenzial», fuhr Theiler fort, während auch der Car langsam Fahrt aufnahm.

 

Erster Halt: Brunner Weinmanufaktur

Der erste Besuch galt der Brunner Weinmanufaktur oberhalb des Sempachersees. Mathias und Cristina Brunner begannen vor 19 Jahren mit einer Hektare. Heute bewirtschaften sie 21 Hektaren an sechs Standorten und gehören damit zu den prägenden Weinbaubetrieben einer Region, in der ein Weingut im Durchschnitt gerade einmal eine Hektare umfasst. «Wir sind mit unseren Kunden mitgewachsen», erklärte Mathias Brunner. Seit 2023 steht am Eichberg der moderne Neubau mit Keller und fünf Hektaren Reben an einem Stück – für Schweizer Verhältnisse eine bemerkenswert grosse Parzelle. Brunners führen das Weingut in erster Generation. Tradition im klassischen Sinn konnten sie nicht einfach übernehmen. «Wir haben nichts historisch Gewachsenes im Köcher gehabt», sagte er. Dafür ist der Betrieb unternehmerisch wach und konsequent auf Kundennähe ausgerichtet. «Weinverkauf ist Emotion», betonte Mathias Brunner. Viel werde ab Hof und an Events verkauft. Entscheidend sei, dass aus Gästen «Wiederholungstäter» würden. Sein Ziel: «Wir wollen ein offenes Weingut sein.» Offen war auch die Diskussion. Als aus der Runde die Frage kam, was denn ein «Traubenpass» sei, ging ein fasziniertes Raunen durch die internationale Gruppe. Die Schweizer, so der Eindruck, sind offenbar nicht nur bei der Vergabe ihres «Roten Büechlis» gewissenhaft, sondern auch bei der Kontrolle der Keltertrauben.

 


Ökostrukturelement aus alten Rebstöcken. (© O+W)

 

Draussen im Feld zeigte sich, wie konsequent der Betrieb auf Entwicklung ausgerichtet ist: viel Vorgewende, breite Gassen, mustergültige Anlage. Weisse Sorten werden vorwiegend auf Guyot geschnitten, rote auf Cordon. Der erste Laubschnitt erfolgt laut Brunner erst drei Wochen nach der Blüte, eher spät, «weil sie sonst explodieren». Beim Streifzug durch die Reihen taucht plötzlich ein rundes Objekt aus alten Rebstöcken auf. «Was ist das?», wollte man wissen. Der Winzer und Önologe nannte es pragmatisch beim Namen: ein Ökostrukturelement. Ein kleines Paradies für alles, was kreucht und fleucht. Nach so viel Input kam die Stärkung genau richtig. Winzerplatte und Wein à discrétion. Mehr brauchte es nicht fürs Seelenwohl.

 

Zweiter Halt: Gletschergarten

Der zweite Halt führte mitten nach Luzern zum Löwendenkmal und in den Gletschergarten. «Das ist ein sterbender, nicht ein toter Löwe», gab die Museumsführerin vor dem berühmten Denkmal zu Protokoll. Er wurde in rund 20 Millionen Jahre alten Luzerner Sandstein gehauen. Dieser Sandstein sei nichts anderes als zusammengepresster Schutt aus den Alpen. Auch Geröll kann also hoch hinaus, wenn der Druck nur lange genug anhält. Und es wurde noch besser: «Eigentlich ist hier alles ein versteinerter Sandstrand. Sogar Haifische schwammen hier durch Luzern. Ein Klima wie in Florida.» Vorbei an Gletschertöpfen und Teppichmuscheln ging es danach hinein in die unterirdische «Felsenwelt» des Gletschergartens. Ein schöner Perspektivenwechsel zwischen Architektur, Erdgeschichte und Rebbau.

 

Dritter Halt: Bioweingut Sitenrain

Der letzte fachliche Besuch führte zum Bioweingut Sitenrain. Zur Begrüssung gab es Schaumwein aus Souvignier gris – frisch, unkompliziert und damit ein passender Einstieg in die Welt von Nora Breitschmid. Zusammen mit ihrem Team führt sie das Weingut in Meggen, dessen Herz für Bio und Piwi, für Experimentierfreudigkeit und Eigenständigkeit, für Kunst und Kultur, Genuss und Gemütlichkeit schlägt. «Piwis sind bei uns Hauptsorten, kein Nebenprodukt. Wir geben all unsere Energie in diese Sorten», erzählt Breitschmid. Darin liegt die Stärke, aber auch der Knackpunkt. Denn bei Piwi-Weinen, sagte sie, könne man machen, was man wolle, niemand habe eine bestimmte Erwartung an den Wein. Das klingt nach Freiheit, sei aber gleichzeitig eine Herausforderung. Denn worauf konzentriert man sich, wenn gefühlt alles offensteht? Auch in der Vermarktung habe man «sicherlich mehr Erklärungsaufwand», sagte Breitschmid offen. Die Zukunftspläne sind dennoch klar. Ein neuer Keller ist in Planung, ebenso wichtig bleiben das beliebte Open-Air-Festival und die Sorten-Spaziergänge durch den Rebberg: «Wir wollen Wein erlebbar machen und Menschen zusammenbringen.» Gerade in der Zentralschweiz, wo Weinbau, Gastronomie und Tourismus so eng beieinanderliegen, wirkt diese Vision ziemlich naheliegend.

 

Was hängenblieb

Auch die Teilnehmenden nahmen viele Eindrücke mit. Arno Schmid vom Versuchszentrum Laimburg (LINK!) war bereits zum dritten Mal dabei. Er schätzt die Nähe zur Praxis und die überschaubare Gruppe. Besonders aufgefallen sei ihm die «motivierte und zuversichtliche Aufschwungstimmung». Martin Mehofer, Vorsitzender des Weinbaukolloquiums, staunte derweil über die Sortenvielfalt. Dass hier auch Zweigelt und Blaufränkisch wachsen und die Weine auch noch so gut schmecken, hatte er so nicht erwartet. Manfred Stoll fasste den Tag als «sensationell» zusammen. Spannend sei vor allem der Kontrast der beiden Betriebe gewesen: hier Mathias Brunner als bewusst unternehmerischer Winzer mit Weitblick und ständigem Verbesserungsdrang; dort Sitenrain als authentischer, experimentierfreudiger Betrieb mit eigener Handschrift. Für den Präsidenten des Arbeitskreises zeigte sich einmal mehr, wie wertvoll Vielfalt und Anpassungsfähigkeit sind. «Das Schöne war, dass wir ganz offen auf den Betrieben reden und sie erleben konnten.» Auch andere Stimmen aus der Gruppe passten ins Bild. Jürgen Wagenitz (Rheingau) hob Brunners Unternehmergeist hervor, Bernd Prior (Rheinhessen) die familiäre Atmosphäre, Ruth Lehnart (Geisenheim) den wertvollen Austausch. Und Linda Muskat (Geisenheim) brachte den Eindruck vom Sitenrain auf den Punkt: Biobetriebe wie jener von Nora Breitschmid seien «optimistisch, idealistisch und erfrischend anders, eben nicht so lehrbuchmässig».

So endete ein Exkursionstag, der weit mehr bot als Betriebsbesichtigungen. Er zeigte eine junge Weinregion im Aufbruch, zwei unterschiedliche Wege zum Erfolg und eine Branche mit Innovationsdrang, Zukunftslust und erstaunlich wenig Zweifel. Der kam erst am Abend dazu, allerdings in bester Form: Bei Zweifel 1898 in Zürich-Höngg, wo man die Eindrücke des Tages Revue passieren liess. Mit der beruhigenden Erkenntnis, dass der Weinbau zwar viele Fragen kennt, aber selten ohne passende Flasche darauf antwortet.

50 Jahre Weinbaukolloquim

Hier lesen Sie den Bericht zum 1. Tag des diesjährigen Weinbaukolloquiums.

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