Eine neue Mottenart bedroht mediterrane Weinanbaugebiete

Trotz ihrer Präsenz im mediterranen Raum galt die Mottenart Cryptoblabes gnidiella jahrzehntelang als unbedeutender Schädling. Aufgrund des Klimawandels und des damit verbundenen Temperatur­anstiegs ist die Mottenart jedoch zu einer erheblichen Gefahr für den Weinbau geworden.

Artikel von:
Renato Ricciardi
Giovanni Benelli
Andrea Lucchi
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 11 / 2026 , S. 6

Die zur Familie der Zünsler gehörende Mottenart Cryptoblabes gnidiella stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum, ist heute jedoch in vielen Ländern weltweit verbreitet (Lucchi et al., 2019). Es handelt sich dabei um einen Schädling mit einem breiten Wirtspflanzenspektrum von mehr als 80 Arten. Darunter befinden sich krautige Pflanzen, Sträucher und Bäume, sowohl wildwachsend als auch von landwirtschaftlichem Interesse. Zu den wichtigsten Kulturpflanzen der mediterranen Landwirtschaft zählen dabei der Granatapfel (Punica granatum) L. 1753), die Kaki (Diospyros kaki) L.f. 1782) und die Rebe (Vitis vinifera) L. 1753).

Trotz ihrer Präsenz im mediterranen Raum, galt die Mottenart Cryptoblabes gnidiella jahrzehntelang als unbedeutender Schädling. Aufgrund des Klimawandels und des damit verbundenen Temperaturanstiegs ist die Mottenart jedoch zu einer erheblichen Gefahr für den Weinbau geworden. Schwere Schäden wurden an mittel- bis spätreifenden Rebsorten wie Sangiovese, Montepulciano und Aglianico in Mittel- und Süditalien verzeichnet. In jüngerer Zeit hat sich dieser Schädling jedoch in Richtung Norditalien und über die Alpen hinaus ausgebreitet mit schweren Konsequenzen für die französischen, spanischen und portugiesischen Weinanbaugebiete. In Griechenland ist sein Vorkommen und die damit verbundenen Schäden erstmals 2025 angezeigt worden. In südamerikanischen Ländern wie Brasilien und Uruguay führt C. gnidiella bereits zu schweren Produktionsverlusten und gilt als der wichtigste Traubenschädling.

 

Lebenszyklus

Cryptoblabes gnidiella (Abb. 1) kann je nach klimatischen Bedingungen drei bis vier Generationen pro Jahr durchlaufen. Diese Art kann in verschiedenen Larvenstadien oder als Puppen überwintern, bevorzugt in an den Reben zurückgelassenen Trauben und auch unter der Rinde der Rebstöcke. In Italien beginnt der erste Flug des Jahres mit relativ geringen Fängen Ende April bis Anfang Mai. Dann nehmen die Fänge ab Mitte Juli progressiv zu und erreichen ihren Höhepunkt in der zweiten Septemberhälfte, wobei sich der dritte und vierte Flug teilweise überschneiden, dann allmählich abnehmen und Ende November bis Anfang Dezember enden. Die Fänge im Frühjahr bestehen hauptsächlich aus Individuen, die im Larven- oder Puppenstadium in den nach der Ernte an den Reben zurückgelassenen Trauben überwintert haben. Auf die Frühjahrsflüge folgen in der Regel keine Larven auf den Weinblüten, da diese Motte in dieser Zeit, je nach Umweltbedingungen, alternative Wirte bevorzugt.

 


Abb. 1: a) Adultes Exemplar von C. gnidiella mit einer Flügelspannweite von 12–16 mm. Die Vorderflügel sind dunkelgrau, mit winzigen schwarzen Punkten übersät und mit rotbraunen Schuppen gesprenkelt, was ihnen ein violettes Aussehen verleiht. b) Larve im V-Stadium (10–12 mm) mit einem hellen gelblich-braunen Körper und dunkelbraunen Streifen. Der Kopf ist rotbraun mit kleinen schwarzen Bereichen an der Basis der schwärzlichen Borsten, die auch auf dem Thorax und dem Abdomen vorhanden sind. Die Bauchfüsse können von rotbraun bis schwarz variieren.

 

Die ersten Larven sind kurz vor dem Traubenschluss auf den Beeren zu finden, wobei sie ab der Véraison und während der gesamten Reifephase immer häufiger auftreten. Die Eier werden hauptsächlich auf dem Traubengerüst abgelegt, wodurch sie bei Feldkontrollen schwer zu erkennen sind.

 

Verursachte Schäden

In den frühen Stadien des Befalls ernähren sich die Larven von den grünen Teilen der Traube (d. h. vom Traubengerüst), wodurch die Gefässintegrität beeinträchtigt wird, was zu einem langsamen und fortschreitenden Vertrocknen der Trauben führt. Das ausgeprägte Schwarmverhalten dieses Schädlings ist der Grund für eine hohe Larvenansammlung (je nach Schwere des Befalls mit bis zu 10 – 20 Larven pro Traube) innerhalb einzelner Trauben, was zu einem teilweisen bis vollständigen Zusammenbruch der Trauben führt. (Abb. 2). Über die direkten Schäden hinaus begünstigen die Frassschäden der Larven Sekundärinfektionen durch Pilze an den beschädigten Beeren, insbesondere mit Botrytis cinerea (Pers., 1794). Dies wird durch dichte Laubdächer, erhöhte Luftfeuchtigkeit und eingeschränkte Belüftung gefördert. Die beschädigten Trauben locken auch andere sekundäre Schädlinge wie Glanzkäfer (Nitidulidae) und Fruchtfliegen (Drosophila) an, was die phytosanitären und wirtschaftlichen Auswirkungen dieses neuen Rebschädlings insgesamt noch verstärkt. Je nach Umweltbedingungen lagen die Produktionsverluste in den letzten zehn Jahren zwischen 4 und 70 % (persönliche Beobachtungen).

 


Abb. 2: Durch C. gnidiella stark beschädigte Trauben: a) Vermentino, früh reifende Sorte, und b) Sangiovese, mittel- bis spät reifende Sorte. In beiden Fällen bestehen die Trauben aus vertrock­neten Beeren und enthalten eine grosse Anzahl an Larven. Die Trauben sind mit einem dichten Seidennetz überzogen, in welchem sich Exkremente und Exuvien verfangen haben. Dies fördert die Ansiedlung von Schimmelpilzen und lockt Schadinsekten, z. B. aus der Familie der Glanzkäfer, an.

 

Überwachungs- und Bekämpfungsmethoden

Die Überwachung mit Pheromonfallen ist ein erster wichtiger Schritt, um die Flugaktivität der C. gnidiella-Motte während der Produktionssaison zu verfolgen (Abb. 3a). Es sollte jedoch beachtet werden, dass die Fänge in den Pheromonfallen, wie bei vielen anderen Schmetterlingsarten, nicht in direktem Zusammenhang mit den späteren Schäden stehen. Daher kann nur eine visuelle Inspektion des Befalls eine realistische Einschätzung der Auswirkungen der hervorgerufenen Schäden auf die Ernte liefern. Eine Toleranzschwelle konnte für C. gnidiella nicht definiert werden, da sich die Eier und jungen Larven wie bereits erwähnt im Inneren der Traube befinden und daher nur schwer zu erkennen sind. Aus diesen Gründen und auf der Basis von Erfahrungen der letzten Jahre ist nach einem plötzlichen Anstieg der Fänge und/oder dem Auftreten der ersten Symptome an den Trauben eine sofortige Behandlung erforderlich (Abb. 3b). Ein kürzlich entwickeltes Physiologie-basiertes demografisches Modell kann den Flug der C. gnidiella-Motte korrekt vorhersagen, wenn auch mit einer leichten Tendenz zur Unterschätzung der tatsächlichen Beobachtungen. Dieses Modell könnte ein nützliches Instrument darstellen, um das Vorkommen erwachsener Tiere vorherzusagen – vorbehaltlich einer weiteren Validierung hinsichtlich der Vorhersage der Larvenstadien. Derzeit sind die am weitesten verbreiteten Bekämpfungsstrategien nach wie vor der Einsatz von Insektiziden basierend auf Spinosyn und Chlorantraniliprol sowie die biologische Schädlingsbekämpfung durch Bacillus thuringiensis . Die Wirksamkeit der Bekämpfungsstrategien hängt weitgehend vom richtigen Zeitpunkt und geeigneten Anwendungsmethoden zum Schutz der Trauben vom Beginn der Reife bis zur Ernte ab. In diesem Zeitraum sind die Schädlingsbelastung und das Schadenspotenzial erfahrungsgemäss am höchsten, insbesondere angesichts der Schwierigkeiten, die Zeitpunkte der Eiablage zu bestimmen. Es ist empfehlenswert, Behandlungen auf den Traubenbereich zu konzentrieren und nicht auf die gesamte Laubwand anzuwenden. Um ein ausreichendes Eindringen des Wirkstoffs in die inneren Teile der Trauben zu gewährleisten, wo sich die Eier und Larven verbergen, sollte die Wassermenge nicht nur an die Sprühausrüstung, sondern auch an die Traubendichte angepasst werden (normalerweise ist dies im Durchschnitt 250 L/ha, bei dichten Trauben sind jedoch bis zu 400 L/ha ratsam). Für die Anwendung von Paarungsstörungsmethoden sind derzeit die besten Ergebnisse in Gebieten mit mittlerem bis geringem Insektenbefall erzielt worden.

 


Abb. 3: a) Flugüberwachung von C. gnidiella mit Pheromonfallen und b) Erkennung der ersten Symptome des Befalls.

 

Fazit

Ein Befall der Reben durch die Motte C. gnidiella ist zurzeit ein recht unvorhersehbares Ereignis. Hinzu kommt, dass einige Aspekte des Lebenszyklus, als auch der Einfluss natürlicher Feinde, noch unklar sind. Es ist daher notwendig, in aktuellen Studien diese Gesichtspunkte näher zu untersuchen, um nachhaltige Bekämpfungsstrategien zu optimieren und den Winzerinnen und Winzern Werkzeuge in die Hand zu geben, welche eine genauere Überwachung und Bekämpfung gewährleisten.

Veröffentlicht : 4. März 2026
DOI: https://doi.org/10.20870/IVES-TR.2026.9943

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