Die legendären Herbstfeste in der Bündner Herrschaft stellen so etwas wie einen Gradmesser dar, wie es um den Weinbau in dieser Ecke der Schweiz steht. Dieses Jahr war Maienfeld an der Reihe und das Städtchen hat sich schön herausgeputzt. Die Leute kamen in Scharen, auch wenn nicht nur wegen des Weins. Immerhin, so lautete das Fazit der Weinbetriebe: Der Konsum war hoch, es geht also wieder bergauf! Alles paletti also?
«Erholsames Jahr»
Dass die Bündner Winzerinnen und Winzer an diesem Sommer ihre Freude hatten, ist nicht neu. Tatsächlich wurde schon in einem TV-Beitrag auf SRF Anfang September frohlockt, dass es noch nie eine so frühe Ernte mit dieser Qualität gegeben habe. Ähnlich sieht das auch Rebbaukommissär Walter Fromm (s.
Interview in O+W 13/2026). Er spricht von einem «erholsamen Jahr», weil dank des Sommers die Pflanzenschutzanstrengungen auf tiefem Niveau verharrten und die Weinbauern weniger zu tun hatten. Dass aber dieser Sommer so etwas wie der Vorbote von weiteren Hitzejahren sein könnte und diese irgendwann auch den Reben zu schaffen machen, sah Fromm am eigenen Leib. Als er in den Nullerjahren in der Toskana ein Weingut führte, gab es plötzlich keine ergiebigen Landregen mehr, erinnert er sich. Dieses Szenario droht auch der Deutschschweiz. So bekamen heuer verschiedene Region einen Vorgeschmack davon. Nicht umsonst zog man in den Jurakantonen optische Vergleiche mit der Toskana. So schlimm war es in der Bündner Herrschaft nicht: Das Grün blieb vorherrschend, ebenso gab es hageltechnisch nur wenig zu berichten. Zudem schränkte die Hitze auch den Ausbruch der erwarteten Schädlinge ein. Alles paletti also?
Re-Generation
Es ist wohl kein Zufall, dass just in diesem Jahr nicht nur in der Herrschaft einige Winzersleute das Gefühl entwickelten, dass sie sich irgendwie auf das Kommende vorbereiten sollten. Etwas plakativ kann man diese Menschen der Re-Generation zuordnen, als jener heterogenen Gruppe, welche die Gesundung der Natur und deren Regeneration im Fokus haben. Da die Bedrohungslage ja nicht komplett unvorhersehbar ist und man im südlichen Ausland schon viel Vorarbeit geleistet hat, können auch hiesige Betriebe von Knowh-how profitieren. Dennoch muss selbst Hand angelegt, etwas zum Rollen gebracht werden. Bei einigen äussert sich dies im Wunsch, nachhaltig und respektvoll in und mit der Natur zu arbeiten.
So beispielsweise bei Madlaina Erni aus dem Misox, die Mitglied bei der Jungwinzer-Vereinigung ist. Viele andere – nicht nur Jungwinzer – haben auf Bio oder sogar auf Biodynamie umgestellt. Ihr gemeinsames Credo: Man möchte dem Stück Land, das man für eine gewisse Zeit bewirtschaftet, auch wieder etwas zurückzugeben. Sich einfach nur an der Natur zu bedienen, gehe auf Dauer nicht auf, meinen sie. Viel gesünder erscheint daher das Bild eines Kreislaufs, ein Nehmen und Geben. Dass sich dies auch auf das Befinden des Winzers und der Winzerin auswirkt, und damit ein positiver Kreislauf erschlossen wird, liegt auf der Hand. Damit rückt besonders der Boden ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Genau diesen Aspekt sieht auch Fromm als zentralen Zugang. «Den Boden für trockene Jahre fit machen», lautet sein Credo, das er vermehrt auch im Plantahof, dem kantonalen Kompetenzzentrum für Landwirtschaft in Landquart, umsetzen möchte (s.
Interview).
«Das Credo lautet: Den Boden fit für trockene Jahre machen.» Walter Fromm
Syntropische Landwirtschaft
Einer, der zusammen mit seiner Frau Astrid ebenfalls an einer Weiterentwicklung arbeitet, ist Andrin Schifferli aus Malans. Die Karriere des gebürtigen Berner Oberländers verlief nicht schnurgerade, dennoch blieb er dem Weinbau nach seiner Lehre im Schaffhausischen treu, studierte Önologie in Wädenswil und kam in den Nullerjahren ins Bündnerland, um da als Winzer zu arbeiten. Nach verschiedenen Etappen konnten er und Astrid Teile der Completerhalde in Malans übernehmen. Wie der Name sagt, wächst hier seit dem 14. Jahrhundert diese Sorte, deren Weine im klösterlichen Alltag zum Tagesende hin (Komplet) getrunken wurden. Daraus keltert er seit 2020 eine Reihe von Completer-Weinen, die er kürzlich in einer Vertikale interessierten Weinprofis kredenzte und wohlwollende Kritiken erntete. Bei dieser Gelegenheit aber offenbarte er, dass ihn das Werk des Schweizer Agronomen und Forschers Ernst Götsch nachhaltig beschäftigt. Als Teilzeit-Berater von Andermatt-Biocontrol kennt er die Probleme, die in der Landwirtschaft vorhanden sind, deshalb gefiel ihm Götschs syntropischer Ansatz. Darunter versteht der Pionier, der noch heute in Brasilien lebt, eine Art Mischkultur aus Gemüsen, Getreiden, Obst und Bäumen. Die natürliche Sukzession, also die Abfolge von Pflanzengesellschaften während der Zeit, soll ein Ökosystem erschaffen, das als Ziel die Bodenverbesserung beinhaltet. Anstelle von Pestiziden und Insektiziden sollen alle Organismen untereinander kooperieren, um das Konzept Nützling vs. Schädling zu überwinden.
Genau dies schwebt auch Schifferlis vor: Auf einer 1 ha grossen Versuchsfläche oberhalb von Zizers planen sie einen Modell-Weinberg. Reben werden keine Drahtsysteme mehr erhalten, sondern sich an Feldahornen hochranken. Zwischen diesen werden unterschiedliche Pflanzen auf verschiedenen Niveaus angepflanzt, um letztlich das Bodenbiom und die Biodiversität zu verbessern. Damit das Projekt aber nicht zum Hobby verkommt, steht auch der Ertrag an wichtiger Stelle. Die geplanten vier- bis fünftausend Rebstöcke sollen durchaus das liefern, was sie auch in einer herkömmlichen Anlage liefern würden. Dennoch erwartet der Winzer aber eine langsamere Reifung und neue sensorische Profile aufgrund der speziellen Erziehungsart. Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen und ist auf drei Etappen ausgerichtet. Zuerst muss aber das Startkapital von einer Viertelmillion zusammengetragen werden, um überhaupt beginnen zu können. «Nicht nur bei den Weinen, auch sonst haben wir eine gewisse Narrenfreiheit, die wir auch nützen möchten», meint Schifferli mit einem Grinsen und man merkt, mindestens für ihn ist es nicht mehr eine Frage ob, sondern nur noch wann sein syntropischer Weinberg Realität wird.