Nach erfolgtem Rückschnitt auf die noch geschlossenen zwei Basalaugen. (© Versuchszentrum Laimburg)

Frostgefahr durch neue Schnittmethoden bannen?

Der Klimawandel verfrüht den Austrieb der Reben und verlängert damit die frostgefährdete Phase. Neue Schnittmethoden könnten helfen, dieses Risiko zu entschärfen. Versuche in Südtirol zeigen jedoch: Später Zapfenschnitt verzögert zwar Austrieb und Reife, bringt aber teils erhebliche Ertragseinbussen mit sich.

Artikel von:
Arno Schmid
Versuchszentrum Laimburg
Chiara Masiero, Ulrich Pedri und Florian Haas
Versuchszentrum Laimburg
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 07 / 2026 , S. 13

Infolge der Klimaänderung treten einerseits weniger Spätfröste auf, andererseits erfolgt der Austrieb der Reben heute deutlich früher, wodurch der Zeitraum, in dem die Rebe durch späte Kaltlufteinbrüche geschädigt werden können, grösser wird. Frostereignisse dürfte es auch in Zukunft weiterhin geben. Daher stellt sich die Frage, wie die Rebanlagen vor entsprechenden Schäden geschützt werden können. Dazu gibt es in verschiedenen Weinbauregionen bereits einige Erfahrungen. So weiss man, dass die Frostbewässerung auch bei Reben gut anwendbar ist. In Südtirol fehlt aber in vielen Anlagen die Wasserverfügbarkeit dafür. Auch der Einsatz von Windrädern und Helikoptern ist teuer und in Nähe von Siedlungen zudem störend und teilweise gesetzlich verboten. Sogenannte Frostkerzen können die Temperatur in Rebanlagen, je nach Gelände und bei Windstille, um bis zu 4 bis 5 °C anheben. Ihr Einsatz ist allerdings mit Arbeit und auch mit beachtlichen Kosten verbunden.

Zwei Möglichkeiten zur Vorbeugung von Kälteschäden sind in den letzten Jahren neu erkannt worden und werden derzeit auch in etlichen Weinbauregionen bereits genutzt. Es handelt sich dabei um den späten Schnitt der Rebe und um die Minimalschnitt-Methode. Werden Triebe nicht angeschnitten und flachgebunden, so treiben das basale Auge und das Auge darüber verzögert aus. Wird dann, beim oder kurz nach erfolgtem Austrieb, auf kurze Zapfen geschnitten, so werden der Austrieb, die Blüte und auch die Reife verzögert. Erfolgt diese Massnahme zu spät, so hat die Rebe bereits viel Energie in die Triebentwicklung gesteckt und die basalen Augen treiben entsprechend schwächer aus. Es soll daher auch abgeklärt werden, wann der optimale Zeitpunkt für den Rebschnitt zur gezielten Austriebsverzögerung ist, um einerseits noch genügend Fruchtansatz zu haben, andererseits aber auch genügend Entwicklungsverzögerung zu erreichen, um die Spätfrostperiode zu überbrücken. Weiter soll untersucht werden, wie die Ertragsentwicklung, die Ertragsmenge, das Traubengewicht und die Traubenstruktur beim späten Rebschnitt in Relation zu einem normalen Rutenschnitt ist. Schliesslich ist zu erwarten, dass es beim späten Rebschnitt auch zu einer gewissen Reifeverzögerung kommt. Die Rebe schafft es, einen Teil der Entwicklungsrückstände beim Austrieb bis zur Reife aufzuholen, aber eine gewisse Verzögerung bleibt erhalten. Ob diese ausreicht, um die Reife auch in warmen Lagen und in frühen Jahren in den September zu verschieben und ob dadurch ein günstigeres Zucker-Säureverhältnis erzielt werden kann, soll zusätzlich ermittelt werden. Ein weiterer relevanter Untersuchungsaspekt betrifft den Einfluss des Rebschnittzeitpunkts auf die Weinqualität. Durch die sensorische Analyse der Weine anhand eines geschulten Verkostungspanels soll dies systematisch beschrieben und bewertet werden, um potenzielle qualitätsrelevante Unterschiede zwischen den verschiedenen Schnittzeitpunkten zu identifizieren.

 


Abb. 1: Zapfenschnitt (Schnitt bei BBCH 13) kurz vor Rückschnitt mit im oberen Bereich ausgeprägten drei Blättern. (© Versuchszentrum Laimburg)

 

Versuchsaufbau

Der Versuch wurde von 2021 bis 2023 in einer Chardonnay-Anlage in Kaltern (Südtirol) durchgeführt. Es wurden folgende Schnitttechniken angewandt:

  • Reben mit Zapfenschnitt, die in den BBCH-Stadien 11, 12 und 13, d. h. wenn jeweils eines bis drei Blätter entfaltet sind, einem zweiten Rebschnitt unterzogen wurden (Abb. 1),
  • ein Semi-Minimalschnitt und
  • als Kontrollreferenz Reben im einfachen Guyot.

Die Triebe der Reben mit doppeltem Rebschnitt wurden zunächst im Winter geschnitten, so dass noch 7 bis 8 Knospen an den Trieben vorhanden waren. Der zweite Schnitt wurde durchgeführt, sobald sich das obere Drittel der Triebe in den drei verschiedenen BBCH-Stadien befanden. Die Triebe wurden auf die beiden noch schlafenden Basalknospen zurückgeschnitten (Einstiegsbild). Der Semi-Minimalschnitt wurde im Winter auf beiden Seiten und im oberen Bereich der Laubwand auf eine Höhe von 80 cm eingekürzt. Die Austriebsverzögerung wurde durch Bestimmung des Knospenaufbruchs der Basalaugen ermittelt. Der Reifeverlauf wurde dann mit Hilfe von Reifetests bis zur Ernte überwacht. Der Ertrag wurde jeweils bei der Ernte ermittelt. Durch ein Verkostungspanel wurden schliesslich grundlegende Faktoren wie die Intensität und Komplexität der Weinstruktur, aber auch die bei der Verkostung wahrgenommenen Aromadeskriptoren beschrieben.

 

Ergebnisse

Bei den Zapfenschnitt-Varianten konnte eine Austriebsverzögerung zur Kontrolle erreicht werden. Diese lag im Mittel der Jahre bei allen Varianten über 20 Tage. Beim Semi-Minimalschnitt wurde keine Austriebsverzögerung festgestellt. Bei diesem Schnittsystem sind andere Faktoren ausschlaggebend für die Spätfroststrategie: zum Teil höher gelegene Augen, sehr viel höhere Anzahl an Augen, welche austreiben/überleben könnten und hohe Anzahl an noch schlafenden Augen, welche nach einem Frostereignis eventuell wieder austreiben könnten.

 


Tab. 1: Differenz in Tagen des Austriebes der Basalaugen beim Zapfenschnitt zur Kontrolle (Guyot).

 

Reifeverlauf

Beim Reifeverlauf kam es durch den späteren Zapfenschnitt über die Jahre stets zu einer Reifeverzögerung über die Versuchsjahre (Tab. 1). Einzig im Jahr 2023 entsprach der früheste Zapfenschnitt (Schnitt bei BBCH 11) im Reifeverlauf dem einfachen Guyot, lag am Ende sogar ein bisschen darüber. Die Werte des Minimalschnitts in KMW (Klosterneuburger Mostwaage) lagen auch unter dem einfachen Guyot. Dies ist sicherlich mit dem deutlich höheren Ertragsniveau im Vergleich zu den restlichen Varianten zu erklären. 2022 beispielsweise war dieses extensive Schnittsystem in der Reife gar nicht verzögert, der Ertrag entsprach in diesem Jahr auch dem des einfachen Guyots. Diese Schwankung im Ertrag ist vermutlich der Erziehungsumstellung geschuldet, wo im ersten Umstellungsjahr eine deutliche Überbelastung stattgefunden hat und dementsprechend die Rebe im Folgejahr weniger Ertrag produziert und sich so langsam auf die neue Gegebenheit einpendelt (Tab. 2).

 


Tab. 2: Traubengewicht [g] und Ertrag [kg/m²] der einzelnen Varianten in den Versuchsjahren.

 

Ernteerhebung

Die Auswirkungen der neuen Schnittmethoden auf den Ertrag sind vor allem dem deutlich geringerem Traubengewicht geschuldet (Tab. 3). Während die Anzahl der Trauben am Stock nur geringfügig durch die späten Zapfenschnittvarianten beeinflusst wird, werden die Trauben selbst deutlich kleiner mit geringerem Gewicht. Deshalb ist bei den Varianten des verspäteten zweiten Schnitts auf Zapfen ein Rückgang der Erntemenge zu verzeichnen, der in der Praxis sicherlich zu unerwünschten Ertragseinbussen führt. Dieser Rückgang lag in allen Versuchsjahren im Schnitt stets über 0.20 kg/m² im Vergleich zum einfachen Guyot. Der Semi-Minimalschnitt hingegen hatte über die Versuchsjahre keine Ertragseinbussen. Das deutlich geringere Traubengewicht wird hier durch eine wesentlich grössere Anzahl an Trauben am Stock wettgemacht. Vor allem in den Jahren 2021 und 2023 waren die Erträge hierbei deutlich höher als bei der Kontrollvariante Guyot (Abb. 3 bis 5).

 


Tab. 3: Differenz des Ertrags in kg/m² der einzelnen Varianten in den Versuchsjahren im Vergleich zur Kontrolle.

 

 

Verkostung

Die Weine der Jahrgänge 2022 und 2023 wurden im Frühjahr nach der jeweiligen Ernte verkostet, um eine ausreichende Klärung und Stabilisierung der Weine zu gewährleisten. Bei der Vinifikation der Versuchsweine wurde bewusst auf den Einsatz önologischer Hilfsmittel verzichtet; einzig Trockenreinzuchthefe und Kaliummetabisulfit wurde zur Konservierung eingesetzt. Die Kontrollvariante 2022 wurde durch ein intensiveres Aroma, ausgeprägtere exotische Fruchtnoten in der Nase sowie einen volleren Körper charakterisiert. Alle Proben wurden als sortentypisch eingestuft und mit einem durchschnittlichen Gesamteindruck bewertet. Hinsichtlich der anderen sensorischen Merkmale konnten keine statistisch signifikanten Unterschiede festgestellt werden. Im Gegensatz dazu wies der Jahrgang 2023 keine signifikanten Unterschiede zwischen den einzelnen Varianten auf, und zwar hinsichtlich aller sensorischer Deskriptoren.

 

Fazit

Spätfröste stellen eine grosse Herausforderung für den Weinbau dar. Durch die angewandten Schnitttechniken/Erziehungsformen stehen aber Massnahmen zur Verfügung. Die Zapfenschnittvarianten bewirkten neben dem verspäteten Austrieb auch eine Reifeverzögerung im Vergleich zur Guyot- und Semi-Minimalschnitt­erziehung. Während bei der Semi-Minimalschnitterziehung mit einem deutlich höheren Ertrag zu rechnen ist, kommt es bei den verzögerten Zapfenschnittsystemen zu erheblichen Ertragseinbussen bei den durchgeführten Versuchen, welche vielfach nicht akzeptabel sind. Es konnten in Bezug auf die Weinquali­tät keine relevanten Unterschiede zwischen den Versuchsvarianten festgestellt werden. Ein Frost­ereignis trat während der Versuchsjahre nicht auf, deshalb konnte der direkte Effekt durch die gesetzten Massnahmen zur Frostbekämpfung leider nicht ermittelt werden.

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