Güttinger-Tagung 2026: Neue Impulse für den Obstbau
Eröffnet wurde die diesjährige Güttinger-Tagung von Denise Neuweiler, Regierungsrätin des Kantons Thurgau. In ihrer Begrüssung lobte sie die gute Zusammenarbeit zwischen dem Arenenberg und Agroscope auf dem Schul- und Versuchsbetrieb Güttingen.
Anschliessend gab Olivier Jacquat, Leiter der Zulassungsstelle Pflanzenschutzmittel beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV, einen Einblick in die heutige und zukünftige Zulassungssituation von Pflanzenschutzmitteln. Jacquat erläuterte dabei die verschiedenen Möglichkeiten für Firmen, eine Zulassung für Pflanzenschutzmittel in der Schweiz zu beantragen. Neben dem regulären Zulassungsverfahren ging er auf das vereinfachte Verfahren sowie auf die zeitlich begrenzten Notfallzulassungen ein. Das vereinfachte Verfahren ist für Anwendungen möglich, die bereits in einem angrenzenden EU-Mitgliedstaat zugelassen sind. Auch eine mögliche stärkere Anbindung an das europäische Zulassungssystem mit den Bilateralen III war Thema.
Unterwegs durch den Versuchsbetrieb
Nach den Eingangsreferaten wurden die Teilnehmenden in Gruppen aufgeteilt und von Mitarbeitenden des Arenenbergs zu den verschiedenen Stationen des Themenparcours geführt. Auf dem Weg wurden laufende Versuche und Besonderheiten einzelner Anlagen kurz vorgestellt. So erhielten die Besucherinnen und Besucher neben den eigentlichen Fachvorträgen weitere Einblicke in die Versuchsarbeit am Standort Güttingen.

Zwischen den Fachposten führten Mitarbeitende des Arenenbergs die Besuchergruppen durch die Obstanlagen des Schul- und Versuchsbetriebs Güttingen. Unterwegs wurden die verschiedenen Parzellen und Versuche kurz vorgestellt. (© Agroscope)
Effizient pflanzen
Am ersten Fachposten stellte Marlis Nölly vom Arenenberg gemeinsam mit den Produzenten Basil Hess und Stefan Anderes sowie Daniel Rutishauser von Eggmann Landmaschinen verschiedene Möglichkeiten zur Neupflanzung von Obstanlagen vor. Im Fokus stand dabei ein möglichst effizienter Einsatz der vorhandenen Ressourcen.
Gerade beim Remontieren grösserer Anlagen ist das Pflanzen von Hand mit erheblichem Arbeitsaufwand verbunden. Maschinelle Lösungen können körperlich schwere Arbeiten reduzieren und die Pflanzung effizienter gestalten. Vorgestellt wurden unter anderem der Pflanzbohrer und die Grabenfräse. Beim Pflanzbohrer wird die Erde rund um das Pflanzloch verteilt, sodass der Baum anschliessend ohne Schaufel eingesetzt werden kann. Die Grabenfräse erstellt hingegen einen durchgehenden Graben, wobei gleichzeitig der Draht für die Tröpfchenbewässerung eingezogen werden kann. Welche Maschine sich am besten eignet, hängt letztlich von Betriebsgrösse, Bodenverhältnissen und Arbeitsorganisation auf dem jeweiligen Betrieb ab. Am Nachmittag konnten die verschiedenen Maschinen bei einer Vorführung im praktischen Einsatz begutachtet werden.
Nebenschädlinge im Aufwind – Ursachen und Auswirkungen
Barbara Egger und Julien Kambor von Agroscope widmeten sich einer Gruppe von Schädlingen, die im Obstbau zunehmend Aufmerksamkeit erfordern, den sogenannten Nebenschädlingen (vgl. ausführlicher aktueller Artikel. Dazu gehören beispielsweise der Kleine Fruchtwickler, die Blutlaus oder Gespinstmotten. Diese Arten können nur regional vermehrt auftreten, normalerweise unter der Schadschwelle bleiben oder nur gelegentlich Schäden verursachen.
Dass einige dieser Arten an Bedeutung gewinnen, hat verschiedene Ursachen. Während natürliche Populationsschwankungen zu einem periodisch stärkeren Auftreten etablierter Schädlinge führen können, profitieren wärmeliebende Arten wie der Pfirsichwickler von steigenden Temperaturen. Gleichzeitig verändert sich mit dem Wegfall von Pflanzenschutzmitteln auch die Regulierung einzelner Arten. Manche Nebenschädlinge wurden bisher durch Behandlungen gegen Hauptschädlinge miterfasst. So wurden Miniermotten früher durch Entwicklungshemmer gegen den Apfelwickler mitreguliert. Fällt ein entsprechender Wirkstoff weg, kann auch dieser Nebeneffekt verloren gehen.
Eine wichtige Rolle spielen zudem die natürlichen Gegenspieler. Räuber und Parasitoide können die Populationen verschiedener Nebenschädlinge wirkungsvoll regulieren. Werden gegen Hauptschädlinge breit wirksame Insektizide eingesetzt, können jedoch auch diese Nützlingspopulationen beeinträchtigt werden. Bei der Bekämpfung von Hauptschädlingen gilt es deshalb, auch die Auswirkungen auf Nützlinge im Blick zu behalten.
Anhand verschiedener Beispiele zeigten Egger und Kambor, wie vielfältig die Nebenschädlinge und ihre Schadbilder sind. Erschwerend kommt hinzu, dass verschiedene Arten ähnliche Schadbilder verursachen können. Eine korrekte Bestimmung sowie regelmässige Kontrollen der Anlagen gewinnen deshalb an Bedeutung. Gleichzeitig stehen für manche Nebenschädlinge nur wenige oder keine geeigneten Pflanzenschutzmittel zur Verfügung.
Neue Apfelunterlagen im Test – Beispiel Magic Star®
Samuel Cia von Agroscope und Florian Eltschinger, Betriebsleiter des Schul- und Versuchsbetriebs Güttingen, stellten aktuelle Forschungsarbeiten zu unterschiedlichen Apfelunterlagen vor (vgl. ausführlicher aktueller Artikel). Seit rund hundert Jahren gilt die Unterlage M9 als Massstab im modernen Apfelanbau. Sie verbindet einen schwachen Wuchs mit einem frühen Ertragseintritt und einer hohen Ertragsleistung und ermöglicht damit hohe Pflanzdichten und eine effiziente Bewirtschaftung.
In den vergangenen Jahren stiegen die Anforderungen an moderne Obstanlagen. Schwach wachsende Sorten, Nachbauprobleme, Trockenheit oder neue Erziehungssysteme stellen unterschiedliche Anforderungen an die Unterlagen und können den Einsatz alternativer Unterlagen interessant machen. Weltweit wird deshalb an neuen Unterlagen geforscht.
In einem internationalen, über das European Fruit Research Institutes Network (EUFRIN) koordinierten Versuch werden 13 Unterlagen in 12 Ländern an 15 Standorten geprüft. M200, G.11 und G.41 zeigten dabei jeweils ein vielversprechendes Gesamtprofil. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse, dass sich die Resultate zwischen einzelnen Standorten erheblich unterscheiden können und neue Unterlagen unter regionalen Bedingungen geprüft werden müssen.
In Güttingen läuft seit 2022 zusätzlich ein Versuch mit der Sorte «Magic Star®» auf fünf verschiedenen Unterlagen: M9 T337 (Referenz), G.11, M9 EMLA, G.935 und M200. Bereits in den ersten Standjahren zeigten sich deutliche Unterschiede in der Baumentwicklung. Die Erträge der verschiedenen Varianten hingegen lagen im dritten Standjahr näher beieinander. Unterschiede zeigten sich auch bei der Fruchtgrösse. M200 wies den höchsten Anteil grosser Früchte auf, während G.935 eine Verschiebung hin zu kleineren Kalibern zeigte.
Für eine grossflächige Ablösung von M9 ist es noch zu früh. Neue Unterlagen können für bestimmte Produktionsbedingungen interessante Alternativen bieten. Dafür müssen sie ihre Leistungsfähigkeit und Robustheit aber langfristig an unterschiedlichen Standorten und mit verschiedenen Sorten unter Beweis stellen.
Fachlicher Austausch zum Abschluss
Nach dem Themenparcours bot die Güttinger-Tagung Gelegenheit, sich an verschiedenen Informationsständen über weitere aktuelle Projekte und Themen zu informieren. Unter anderem konnten die Agroscope-Apfelsorten Iori und Mariella sowie verschiedene sortenreine Mostobstsäfte der neuen Agroscope-Züchtungen Witta, Wisper und Wally degustiert werden. Sortenblätter und weitere Informationen zu den Mostobstsorten finden sich in der neu veröffentlichten Broschüre «Beschreibung Wertvoller Mostapfelsorten: Ausgabe 2026». Der Infostand von Agroscope ergänzte das Angebot mit aktuellen Publikationen wie neuen Merkblättern zu Schädlingen und Krankheiten. Die rund 150 Besucherinnen und Besucher nutzten die gemeinsam von Arenenberg und Agroscope organisierte Tagung, um sich über aktuelle Versuche und Entwicklungen zu informieren und sich mit Fachleuten sowie Berufskolleginnen und -kollegen auszutauschen. Die vorgestellten Ansätze und der Austausch zwischen Forschung und Praxis lieferten dabei auch in diesem Jahr neue Impulse für den Obstbau.
Weitere Informationen zur Güttinger-Tagung sowie den verschiedenen Vorträgen finden Sie hier.