Die am 16. Juni 2026 bekannt gewordenen Kürzungen bei Agroscope haben für den Standort Wädenswil einschneidende Folgen. Neben personellen Abbaumassnahmen wird auch der finanzielle Umfang der Zusammenarbeit mit dem Weinbauzentrum Wädenswil halbiert. Damit geraten die zentralen Grundlagen einer über Jahre gewachsenen Partnerschaft ins Wanken. Die jüngsten Massnahmen sind ein weiterer Schritt in einem seit rund zwei Jahrzehnten andauernden Rückzug der weinbaulichen Forschung aus Wädenswil. Im Zuge verschiedener Sparmassnahmen und Reorganisationen des Bundes wurde der einst international ausstrahlende Forschungs- und Ausbildungsstandort geschwächt. Kompetenzen wurden reduziert oder in die Westschweiz verlagert. Besonders schwer wiegt die Kündigung einer langjährigen Schlüsselperson in der Kellerwirtschaft sowie einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin. Diese Entwicklungen werfen für das Weinbauzentrum Wädenswil die Frage auf, ob Agroscope am Standort Wädenswil tatsächlich noch langfristig festhalten will, oder ob lediglich eine formale Präsenz aufrechterhalten wird.
Forschung braucht Verlässlichkeit
Das Weinbauzentrum Wädenswil arbeitet seit Jahren eng mit Agroscope zusammen und setzt deren weinbauliche Versuche in der Praxis um. Diese Zusammenarbeit war bisher abgestützt auf fachliche Kontinuität, gegenseitiges Vertrauen und gemeinsame Verantwortung gegenüber der Branche. Mit den aktuellen Entscheidungen ist diese Basis nicht mehr im bisherigen Mass gegeben. Die Kürzungen treffen die Deutschschweizer Weinbranche in einer Phase, in der anwendungsorientierte Forschung besonders wichtig ist. Klimawandel, Pflanzenschutz, Sortenwahl sowie marktfähige Produktion verlangen belastbare Versuche, verlässliche Daten und einen direkten Wissenstransfer in die Praxis. Werden Forschung und Versuchswesen weiter ausgedünnt, verliert die Branche eine fachliche Stütze. Besonders kritisch beurteilt das Weinbauzentrum Wädenswil, dass die önologischen Versuche in Wädenswil vollständig gestrichen und auch am Standort Changins im Kanton Waadt reduziert werden. Damit geht nicht nur Fachwissen verloren, sondern auch die Möglichkeit, neue Sorten, Verfahren und Produkte unter praxisnahen Bedingungen zu prüfen.
Praxisnutzen steht im Vordergrund
Salome Schneider von der Co-Geschäftsleitung des Weinbauzentrums Wädenswil sagt: «Wir nehmen die Entscheide von Agroscope zur Kenntnis. Gleichzeitig müssen wir festhalten, dass unter diesen Bedingungen eine langfristig stabile und für die Branche relevante Zusammenarbeit nicht mehr gewährleistet ist.» Das Weinbauzentrum wird die Zusammenarbeit mit Agroscope deshalb umfassend überprüfen. Eine Weiterführung setzt verbindliche fachliche, organisatorische und finanzielle Zusagen voraus. Forschung braucht Planungssicherheit und Kontinuität, insbesondere wenn Versuche über mehrere Jahre angelegt sind und direkte Auswirkungen auf Betriebe, Kantone und die gesamte Branche haben. «Wir bedauern diese Entwicklung. Gleichzeitig sehen wir es als unsere Verantwortung, die Zukunft der praxisrelevanten Forschungin der Deutschschweiz aktiv mitzugestalten», so Schneider. «Dazu braucht es starke Partner, klare Rollen und verlässliche Rahmenbedingungen.»
Standort Wädenswil im Netzwerk stärken
Das Weinbauzentrum Wädenswil sieht die aktuelle Situation als Anlass, die Rolle des Standorts Wädenswil im Zusammenspiel mit Praxis, Forschung, Branche, Bildung und Kantonen zu klären. Wädenswil bleibt für den Deutschschweizer Weinbau ein bedeutender Standort mit grossem Potenzial. Welche Rolle Agroscope in diesem Netzwerk künftig einnehmen kann und will, ist offen. Das Weinbauzentrum Wädenswil ist bereit, konstruktiv über die weitere Zusammenarbeit zu sprechen. Voraussetzung dafür sind klare Aussagen zum Standort Wädenswil sowie verbindliche Zusagen zu Leistungen, Finanzierung und Verantwortung. «Unser Ziel ist nicht Konfrontation, sondern Klarheit», hält Schneider fest. «Die Deutschschweizer Weinbranche braucht eine Forschung, die fachlich relevant und nah an den Betrieben ist. Wir sind bereit, daran weiterhin engagiert mitzuwirken, auf einer Grundlage, die tragfähig und zukunftsorientiert ist.»
Das Weinbauzentrum Wädenswil wird in den kommenden Wochen die Handlungsoptionen prüfen, Gespräche mit bestehenden und möglichen Partnern führen und über die weitere strategische Ausrichtung informieren. Im Zentrum steht das Ziel, den Winzerinnen und Winzern auch künftig Wissen und Unterstützung zu bieten, die ihnen im Rebberg und im Keller konkret weiterhelfen.
Über das Weinbauzentrum
Das Weinbauzentrum Wädenswil (WBZW) ist das Partnerinstitut für den Deutschschweizer Weinbau mit Sitz in Wädenswil (ZH). Wädenswil ist seit über 100 Jahren ein wichtiger Standort für die Forschung und Lehre im Weinbau. Das WBZW, seit dem 1. Januar 2018 als Aktiengesellschaft operativ tätig, führt dieses reiche Erbe weiter und geht dabei auch neue Wege. Neben angewandter Forschung in Weinbau und Önologie sowie der Eigenproduktion von Wein werden Dienstleistungen in den Bereichen Labor, Analytik und Wissenstransfer angeboten.