Zürich Cider Festival 2026: vom Vergessenen zum Publikumsliebling

Seit der Jahrtausendwende zeichnet sich punktuell über den Globus verteilt eine Art Renaissance des Ciders ab.

Artikel von:
Paolo Spagnolo
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 13 / 2026 , S. 23

Ob in den USA, wo die American Cider Association intensiv an Weiterbildungen zur Herstellung und der Vermarktung von Cider arbeitet, oder verteilt über Europa, dem eigentlichen Ursprungsmarkt, überall sieht man, wie die Kategorie zunehmend auf Interesse seitens der Konsumenten stösst. Selbst in Asien und Australien finden sich Liebhaber des Nischenprodukts. In Afrika entstehen interessante kleine Cider-Manufakturen.

Wie könnte es also anders sein, als dass auch in der Schweiz mehr und mehr Leute den flüssigen Apfel für sich (wieder)entdecken? Schliesslich ist der Apfel die beliebteste Frucht der Schweiz. Hierzulande blickt man ebenfalls auf eine lange Tradition rund um den heimischen Most, welcher seit jeher nach bäuerlicher Art hergestellt wird und heute trendiger denn je zu sein scheint. Egal, ob im Wirtshaus in den Bergen, in der Dorfbadi oder in der Szene-Bar in der Grossstadt. Apfelwein ist vielerorts gesetzt und geniesst in der Schweiz eine kapillarere Distribution als in Ländern, in denen er einen weitaus höheren gesellschaftlichen Stellenwert geniesst, wie z. B. England, Frankreich oder Spanien.

Seit einigen Jahren gesellen sich neben etablierten Traditionsmarken immer mehr neue, deutlich verspieltere und geschmacklich gewagtere Vertreter am Markt. Beliebt, vor allem bei experimentierfreudigem Publikum, welches ein etwas weniger säurebetontes Geschmacksprofil wünscht.

Zu guter Letzt, aber sicherlich nicht weniger interessant oder bedeutend: die nach französischem Stil in der Schweiz hergestellten Cidre. Vor allem in der Westschweiz präsent, aber nicht nur, finden diese teilweise sortenreinen, oft wild vergorenen und fast immer spannenden Erzeugnisse einen Platz in gut sortierten Fachgeschäften oder gar Getränkekarten von renommierten Restaurants.

All diese verschiedenen Welten wurden am 12. September in Zürich vereint, im Innenhof der Mühle Tiefenbrunnen, präsentiert. Während des bei bestem Wetter stattfindenden Festivals trafen sich 667 Besucher und Besucherinnen mit den aus der ganzen Schweiz angereisten Cider-Produzenten. Verkostet wurde quer über alle Stilrichtungen. Mit und ohne Alkohol, mit und ohne Sprudel. Wein aus Äpfeln floss direkt aus den mitgebrachten mobilen Zapfanlagen, aus kleinen 33-cl- oder grösseren 75-cl-Flaschen. Hunderte von neugierigen Gästen probierten sich durch die über fünfzig verschiedenen Qualitäten hindurch. Eifrig schenkten die höchst motivierten Hersteller ihre Erzeugnisse aus. Das Bild, was sich daraus ergab, war ein bunt gemischtes Festival, welches Jung und Alt gleichermassen zu begeistern vermochte. Wahrlich war das Publikum sehr durchmischt und brachte laut den Standbetreibern oft Vorkenntnisse zum vergorenen Apfelsaft mit. Sprachlich hörte man neben Züridütsch oft auch Englisch, Französisch, Spanisch und slawische Sprachen in der Menge. Mit viel Begeisterung artikulierten die Gäste mit ihren Freunden über die soeben entdeckten Geschmacksprofile, welche sie mit breitem Grinsen weiterempfahlen.

 


Der Apfel wird plötzlich «hip». (© Pino Buoro)

 

Einige der schönsten Bilder ergaben sich entlang der Tische des Café Kornsilo, welches die Mühle Tiefenbrunnen betreibt. Dort sammelten sich Pärchen und kleinere Gruppen an Tischen und öffneten eine Flasche nach der anderen, um diese genüsslich miteinander zu geniessen und über deren Inhalt zu philosophieren. Im Kern genau das, was man sich als Veranstalter so sehr gewünscht hatte: geteilte Freude an einem handwerklich unter Verwendung bester Rohstoffe hergestellten Produkt und an der damit verbundenen Genuss- bzw. Trinkkultur. Ein Bild, welches ganz konträr dem heutigen Konsum von anonymen Getränken, die eine nur bescheidene Portion Schweiz und eine noch geringere Portion Leidenschaft dahinter vermuten lassen.

Ja – man darf die erste Edition des Zürich Cider Festival durchaus als kleinen Erfolg bezeichnen. Zumindest ein Zwischenerfolg auf einem noch sehr langen Weg vom vergessenen Nischenprodukt hin zum Publikumsliebling. Für alle, die den Termin im Zürcher Seefeld verpasst haben, bleibt noch die Option, das ebenfalls auf Cider ausgerichtete Cider Festival Basel am 17. Oktober 2026 in der Markthalle Basel zu besuchen. Dort werden ebenfalls zahlreiche Cider Maker aus der Schweiz die Korken knallen lassen und den Gästen eine herbstliche Verkostung der Extraklasse rund um Apfel, Birne und Quitte bescheren.

 

Paolo Spagnolo ist als Geschäftsführer und Kurator des Schweizer Mosterei- und Brennereimuseums in Arbon am Bodensee tätig. Er ist Initiator des Swiss Cider Summit und gilt als leidenschaftlicher Förderer der Schweizer Ciderlandschaft.

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