Eng getaktete Erntefenster treffen auf Witterungsextreme, Arbeitskräftemangel und steigende Qualitätsanforderungen des Marktes. Diese Ausgangslage schafft eine Nachfrage nach ernteverzögernden Optionen. In den Fokus der Aufmerksamkeit ist das pflanzeneigene Hormon Ethylen gerückt, das den Reifeprozess der Früchte steuert. Die Auswirkungen desselben können mit dem Wirkstoff 1-Methylcyclopropen (1‑MCP) beeinflusst werden. 1-MCP blockiert die Ethylenrezeptoren der Früchte und verlangsamt dadurch den Stärke- und Festigkeitsabbau. Der Wirkstoff ist aus der Fruchtlagerung seit Jahren bekannt: 1‑MCP wird als SmartFresh eingesetzt, um die Haltbarkeit von Äpfeln zu verlängern.
Neues Produkt
Mit Harvista steht seit 2025 erstmals ein 1‑MCP‑Produkt zur Verfügung, das bereits in der Obstanlage appliziert wird. Die Wirkung setzt somit vor der Ernte ein, indem Harvista die Fruchtreife bremst und dadurch eine gezielte Verschiebung des Erntetermins um 7–14 Tage ermöglicht (Abb. 1). Diese zusätzliche Zeit kann entscheidend sein, um Arbeitsspitzen zu entschärfen oder die Fruchtgrösse durch längeres Hängenlassen zu steigern. Der Hersteller AgroFresh nennt zudem weitere potenzielle Vorteile wie geringeres Risiko für Glasigkeit, weniger Vorerntefruchtfall, bessere Ausfärbung und weniger Risse in der Stielgrube.

Einsatzbedingungen von Harvista
Die Anwendung von Harvista erfolgt einmalig wenige Wochen bis einige Tage vor dem geplanten Erntetermin. Beim Apfel liegt dieses Zeitfenster zwischen 21 und 3 Tagen vor dem Erntetermin ohne Harvista-Einsatz, bei Birnen zwischen 7 und 0 Tagen. Entscheidend ist dabei der physiologische Zustand der Früchte, da der Wirkungsgrad stark vom Reifestadium zum Zeitpunkt der Behandlung und der Witterung abhängt. Damit ist die klassische Reifebestimmung mit dem Stärkeindex eine zentrale Grundlage für den optimalen Einsatz von Harvista. In jedem Fall ist vor der Ernte eine Wartefrist von drei Tagen einzuhalten.
Die Aufwandmenge beträgt 8.75–11.7 L/ha. 1-MCP wird nach dem Mischen mit Wasser rasch gasförmig. Daher ist ein Direkteinspritzmodul der Firma erforderlich, das Harvista unmittelbar vor der Düse mit Wasser mischt. Auf kleinen Flächen kann Harvista auch direkt in den Spritzmitteltank gegeben werden. Die Zeitspanne zwischen Ansetzen der Brühe und Abschluss der Applikation darf jedoch maximal 30 Minuten betragen.
Versuch mit Gala Galaxy
Agroscope prüfte 2025 die Wirkung von Harvista in Wädenswil an der Sorte Gala Galaxy (Pflanzjahr 2018, Pflanzabstand 1.0 m × 3.3 m). Die Hälfte der Bäume wurde am 14. August, rund 12 Tage vor dem geplanten Erntetermin, behandelt. Die andere Hälfte diente als unbehandelte Kontrolle. In beiden Varianten wurden Früchte sowohl zum normalen Erntetermin (26. August 2025) als auch 7 Tage später (2. September 2025) geerntet, wobei der optimale Erntezeitpunkt jeweils mit dem Stärkeindex bestimmt wurde. Für beide Varianten wurden Fruchtgrösse, Ausfärbung, Festigkeit sowie Zucker- und Säuregehalt bestimmt. Zusätzlich wurden ab Applikation alle drei bis vier Tage jeweils die Durchmesser von 24 markierten Früchten gemessen (Abb. 3).

Abb. 3: Die Fruchtgrössen wurden alle drei bis vier Tage gemessen. (©Agroscope)
Erfolgreiche Ernteverzögerung und Steigerung der Fruchtgrösse
Die Ergebnisse dieses Versuchs zeigen deutlich, dass der Reifeprozess der Früchte um rund eine Woche verzögert werden konnte: Die mit Harvista behandelten Äpfel erreichten denselben Stärkeindex (5.1 kg/cm²) wie jene, welche sieben Tage früher in der unbehandelten Kontrolle geerntet wurden (4.9 kg/cm²). Gleichzeitig profitierte die Fruchtgrösse vom längeren Verbleib am Baum. Trotz der verlangsamten Ausreifung legten die behandelten Früchte im Durchschnitt 1–2 mm an Durchmesser und rund 8 g an Gewicht zu (Abb. 2). Unterschiede in der Ausfärbung konnten nicht festgestellt werden, da beide Varianten unabhängig von Harvista einen hohen Rotanteil aufwiesen. Auch hinsichtlich der inneren Qualität – Festigkeit, Zucker- und Säuregehalt – zeigten sich zum Erntezeitpunkt keine signifikanten Unterschiede.

Nach etwa zehn Tagen Lagerung bei Raumtemperatur wiesen die mit Harvista behandelten Früchte einen etwas tieferen Stärkeindex (7.5 gegenüber 8.9 in der Kontrolle) sowie eine leicht höhere Festigkeit (6.5 gegenüber 6.0 kg/cm²) auf. Obwohl diese Differenzen statistisch nicht signifikant waren, deuten sie darauf hin, dass Harvista auch nach der Ernte die Haltbarkeit der Früchte positiv beeinflussen kann. Da 1‑MCP jedoch flüchtig ist und die Wirkung mit der Zeit nachlässt, kann Harvista den Einsatz von SmartFresh im Lager nicht ersetzen.
Dank
Die Versuche in Wädenswil konnten dank Unterstützung des Versuchsbetriebs Obstbau Wädenswil durchgeführt werden.