Editorial

Genuss bedeutet Glück

Artikel von:
Jacqueline Achermann
Redaktorin Obst+Wein
Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 02 / 2026 , S. 3

Liebe Leserin, lieber Leser

Neulich, beim Rebenschneiden, hörte ich einen Podcast mit dem Philosophen Robert Pfaller. Er sagte darin, Lust habe immer etwas, das Menschen zurückschrecken lasse. Alles, was grosse Freude bereite, sei mit einer unguten Dimension behaftet. So auch der Alkohol. Er berauscht, kostet Geld und zuweilen auch Schlaf. Selbst harmlosen Vergnügen wohnt oft eine gewisse Skepsis inne. Und ich frage mich: Worin soll das Glück denn liegen, wenn nicht im Genuss? Wir leben in einer Zeit der entschärften Alternativen: Wurst ohne Fleisch, Zigaretten ohne Nikotin, Politik ohne Rückgrat, Kunst ohne Wahnsinn und ja, auch Wein ohne Alkohol. Das mag viele Gemüter beruhigen. Meines erhitzt es eher. Zumindest erkenne ich darin nichts Erstrebenswertes. Und ich glaube, ich bin damit nicht allein.

Janine Witzig vom Weingut Lindetröpfli, die ich für das Porträt besucht habe, kann entalkoholisierten Weinen ebenso wenig abgewinnen. Sie bleibt dem Bewährten treu, ohne sich vor Neuem zu verschliessen. Auch Fructus setzt auf gewachsene Qualität. Jahr für Jahr kürt die Vereinigung die Obstsorte des Jahres und rückt vergessene Sorten zurück ins Bewusstsein. Hier finden Sie eine Auswahl dieser ausgezeichneten Trouvaillen.

Der Blick nach vorn fehlt dennoch nicht. Lena Flörl von der ETH Zürich widmet sich dem mikrobiellen Terroir, einem noch jungen Forschungsfeld, das unser Verständnis von Herkunft und Qualität nachhaltig verändern könnte. Sie gibt Einblick in ihre Arbeit und zeigt, wie viel Zukunft im Unsichtbaren steckt.

Und schliesslich schauen wir nach Wädenswil, wo im vergangenen Herbst der Vollernter durch die Rebzeilen rollte. Das Team des Weinbauzentrums hat die Unterschiede zwischen maschineller und manueller Ernte untersucht und berichtet über die ersten Ergebnisse.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. Machen Sie sich nicht verrückt, auch wenn derzeit alles dafür spricht, es zu werden.

Ihre Jacqueline Achermann
Redaktorin Obst+Wein

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