Nebenschädlinge im Aufwind – Vom Randthema zum Praxisproblem im Obstbau
Miniermotten, Schildläuse, Fruchtstecher: Arten, die im Obstbau bisher selten auftraten, gewinnen an Bedeutung. Klimaveränderung, natürliche Populationszyklen, der Rückzug von Wirkstoffen und der Einsatz breit wirksamer Mittel verändern die Relevanz von Nebenschädlingen. Der Beitrag zeigt Ursachen und Folgen für Diagnose, Nützlingsschutz und Bekämpfung im Betrieb.
Was genau ist ein Nebenschädling?
- Die erste Gruppe umfasst Arten, die nur regional vorkommen, dort aber deutlich häufiger und stärker auftreten als anderswo. Ein typisches Beispiel ist der Kleine Fruchtwickler. In bestimmten Anbauregionen kann dieser Wickler lokal zu einem ernsthaften Problem werden, während er in anderen Gebieten praktisch keine Rolle spielt. Für die betroffenen Betriebe ist er trotzdem ein Hauptthema in der Pflanzenschutzstrategie.
- Die zweite Gruppe sind Arten, die zwar regelmässig und verbreitet vorkommen, aber normalerweise nicht regelmässig bekämpft werden müssen, weil sie meist unterhalb der Schadschwelle bleiben oder durch Nützlinge und andere Massnahmen ausreichend reguliert werden. Die Blutlaus ist das Paradebeispiel: Sie ist in vielen Anlagen präsent, verursacht aber nicht jedes Jahr wirtschaftlich relevante Schäden. Verändern sich jedoch die Rahmenbedingungen, etwa durch den Wegfall eines wirksamen Wirkstoffs oder durch fehlende natürliche Gegenspieler, kann aus einer meist tolerierbaren Population rasch ein ernstzunehmendes Problem werden.
- Die dritte Gruppe umfasst Arten, die nicht regelmässig auftreten, im Falle verstärkten Vorkommens aber deutliche Schäden verursachen können. Gespinstmotten sind hierfür ein anschauliches Beispiel: Über mehrere Jahre unauffällig, können sie in einzelnen Jahren ganze Astpartien kahlfressen und zu Ertragseinbussen führen, bevor die Population wieder auf ein unauffälliges Niveau zurückfällt.
Klimaveränderungen als Wegbereiter
Natürliche Populationsschwankungen
Rückzug von Insektiziden
Zahlreiche Wirkstoffe, die in der Vergangenheit eingesetzt wurden, sind aus regulatorischen, toxikologischen oder ökologischen Gründen nicht mehr verfügbar. Diese Wirkstoffe bekämpften oft nicht nur die eigentliche Zielart, sondern erfassten als Nebeneffekt auch andere Arten mit. Fällt ein solcher Wirkstoff weg, verschwindet damit nicht nur die gezielte Wirkung auf den Hauptschädling, sondern auch jene auf die Nebenschädlinge. Arten, die bisher mitreguliert wurden, können sich in der Folge ungehindert vermehren. Der Rückzug von Entwicklungshemmern (z. B. Insegar) veranschaulicht dies deutlich: Früher gegen Apfelwickler eingesetzt, wirkten viele dieser Mittel auch gegen Miniermotten. Ohne die Nebenwirkung können sich Miniermotten besser entwickeln und müssen bei hoher Populationsdichte direkt bekämpft werden (Müller T. et al 2024). Ähnlich könnte sich der Befallsdruck durch Kommaschildläuse oder Ahornschmierläuse entwickeln, wenn nach dem Rückzug von Movento kein wirksames Pflanzenschutzmittel zur Verfügung steht (Abb. 1).

Abb. 1: Kommaschildläuse auf Äpfeln (A), Maulbeerschildläuse auf Kirschen (B), Bananenschmierläuse im Kern- und Steinobst (C) sowie Ahornschmierläuse auf Äpfeln (D) können ohne das Pflanzenschutzmittel Movento nicht mehr direkt reguliert werden. (© Agroscope)
Folgen für Nützlinge
Auswirkungen auf Produktion
Die Zunahme von Nebenschädlingen stellt Produktion und Beratung vor mehrere konkrete Herausforderungen. Die Diagnose wird schwieriger. Viele Schadbilder sind nicht eindeutig einer einzigen Art zuzuordnen. Besonders bei Käfern verursachen unterschiedliche Arten oft sehr ähnliche Frassspuren, sodass eine sichere Bestimmung im Feld ohne genauere Untersuchung kaum möglich ist (Abb. 2). Wo früher eine kleine, überschaubare Liste an Verdächtigen ausreichte, braucht es heute oft eine differenziertere Diagnostik, um die tatsächliche Ursache eines Schadens zu identifizieren und gezielt reagieren zu können. Dabei können Beratung und Forschung Unterstützung leisten. Fehldiagnosen führen im schlimmsten Fall zu unwirksamen oder gar kontraproduktiven Pflanzenschutzmassnahmen. Die Folge: Nützlingen unter Druck. Räuber und Parasitoide können bei der natürlichen Regulierung von Nebenschädlingen eine Schlüsselrolle spielen, insbesondere weil für viele dieser Arten keine oder nur eingeschränkte Bekämpfungsmöglichkeiten bestehen. Eine nützlingsschonende Ausrichtung der Pflanzenschutzstrategie wird damit nicht nur aus ökologischen, sondern zunehmend auch aus produktionstechnischen Gründen wichtig. Gerade deshalb ist es problematisch, dass notwendige Behandlungen gegen Hauptschädlinge diese Nützlinge oft nicht ausreichend schonen. Es entsteht ein Zielkonflikt: Die Bekämpfung des einen Problems kann die natürliche Kontrolle eines anderen schwächen.

Abb. 2: Apfelblütenstecher (A), Rotbrauner Fruchtstecher (B) und Buchenspringrüssler (C) verursachen ähnliche Schäden auf Äpfeln, sind jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten aktiv (A kurz nach dem Austrieb, B in der abgehenden Blüte, C zu Beginn der Fruchtentwicklung). (© Agroscope)
LüCKE
Das Wichtigste für die Praxis
- Nebenschädlinge sind kein neues Phänomen. Klimaveränderung, natürliche Populationsdynamik, der Rückzug von Wirkstoffen und die Umstellung auf breiter wirksame Ersatzprodukte wirken zusammen und verändern die Relevanz von Nebenschädlingen.
- Schädlingsarten, die bislang kaum beachtet wurden, müssen neu bewertet und besser verstanden werden und es braucht Lösungen zur Bekämpfung dieser Arten.
- Die Schonung von Nützlingen kann zur Bekämpfung von Nebenschädlingen ausreichend sein. In der Praxis entsteht jedoch oft ein Zielkonflikt: Notwendige Bekämpfungsmassnahmen gegen Hauptschädlinge erschweren die Umsetzung nützlingsschonender Strategien.
- Für Nebenschädlinge, die nicht durch Nützlinge reguliert werden können, braucht es auch auf regulatorischer Ebene Lösungen, damit Betriebe bei Bedarf auch tatsächlich handlungsfähig sind.
Weitere Informationen
- Kambor J., Egger B., 2024: Massenvermehrungen der Apfelbaumgespinstmotte. Obst+Wein 04/2024, 16–18.
- Kambor J., Egger B., 2025: Kleiner Fruchtwickler, grosse Herausforderung. Obst+Wein 13/2025, 10–13.
- Kambor J., 2026: Schadbild des Pfirsichwicklers auf Apfel. Schweizer Obst 2.
- Müller T., Kambor-Prieur J., Egger B., 2024: Quassia-Extrakt gegen die Fleckenminiermotte. Obst+Wein 15/2024, 18–21.